Von Jürgen Umlauft |
18.02.2010
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Passau
Eine nicht ausgelebte Rauferei
Horst Seehofer reibt sich in Passau weder an "seinem Freund Guido" noch an der Opposition
Passau. Die wichtigste Mitteilung macht Horst Seehofer gleich am Anfang. "Ich bin fit, extrem fit!" beruhigt der CSU-Vorsitzende schon beim Einmarsch in die Passauer Dreiländerhalle den Anhang. Vergangenes Jahr bei seinem ersten Auftritt als Aschermittwochsredner hätte ihn fast ein Virus buchstäblich vom Rednerpult gestoßen, dieses Mal kommt Seehofer kraftstrotzend daher.
Große Gesten am "größten Stammtisch der Welt": CSU-Vorsitzender Horst Seehofer in Passau. Bild: dpa
Trotzdem plagt ihn die nicht unerhebliche Frage, was er denn zu sagen gedenkt vor - die Schätzungen und Verlautbarungen schwanken traditionell zwischen 3000 und 6000 - erwartungsfrohen Anhängern aus der ganzen Republik. "Ich fürchte, das ändert sich stündlich", bangt einer aus Seehofers Stab.
Seehofer erklimmt dann das Podium wie einer, der eigentlich Lust auf eine ordentliche Rauferei hätte, diese aber nicht ausleben kann. "Ich würde mich gerne an den anderen reiben", sagt er. "Aber wer ist denn noch da?" Die Opposition im Freistaat hat er jedenfalls innerhalb von zwei Minuten abgehandelt, eine ausführliche Würdigung des Münchner Regierungspartners FDP verkneift er sich aus Koalitionsräson. So bleibt ihm zunächst zum Anheizen der Stimmung im Saal nichts anderes übrig, als sich selbst zu loben. "Die CSU ist putzmunter und bärenstark - schwarz ist wieder Trumpf in Bayern", redet er gegen die Verzagtheit in den eigenen Reihen und die schlechten Umfragewerte an. "Ich habe einige Kilo abgenommen, Bayern hat weiter zulegt - das ist die Bilanz der ersten 14 Jahre", verwechselt er die gefühlte mit seiner tatsächlichen Amtszeit seit Ende 2008.
Von Jürgen Umlauft |
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Passau
Eine nicht ausgelebte Rauferei
Horst Seehofer reibt sich in Passau weder an "seinem Freund Guido" noch an der Opposition
Suche nach Distanz
Erst später, in seiner Passage zum Sozialstaat, knüpft er sich die Liberalen doch noch vor, insbesondere "meinen Freund Guido". Von FDP-Chef Westerwelle würde er sich "da und dort ein Stück mehr Gelassenheit und Souveränität wünschen, wenn es um schwierige Fragen unserer Nation geht", sucht Seehofer die Distanz. Und er mokiert sich über die per Zeitungsinterview verbreitete Drohung des liberalen Lautsprechers, er könne auch anders. "Oha!" ruft Seehofer da in die Runde. Worte seien das, um die Alpen und den Frankenwald erbeben zu lassen. "Aber keine Angst, meine Freunde", gibt er Entwarnung, "das ist kein Tsunami, das ist nur eine Westerwelle."
Diese Pointe wird für längere Zeit Seehofers letzte bleiben, denn in der Folge mutet er den auf verbale Kraftmeierei wartenden Passau-Pilgern eine ausführliche Passage Sachpolitik zu. Seehofer spricht zur "solidarischen Leistungsgesellschaft". Natürlich bekommt er viel Beifall, als er wie ein Westerwelle-Double betont, wer arbeite, müsse mehr haben als der, der nicht arbeite. Und wer Arbeit ablehne, obwohl sie ihm zumutbar sei, habe keinen Anspruch auf staatliche Unterstützung. Dann aber differenziert Seehofer anders als der FDP-Chef umfangreich aus. Wo sein Freund Guido platte Populismen dröhnt, nimmt sich Seehofer eine Viertelstunde Zeit, um das Wesen von Solidarität zu erklären, sich für eine zum Lebensunterhalt ausreichende Bezahlung von Arbeitnehmern auszusprechen, von den Tarifpartnern ausgehandelten Mindestlöhnen das Wort zu reden und die Feinheiten des Lohnabstandsgebots zu erläutern.
Von Jürgen Umlauft |
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Passau
Eine nicht ausgelebte Rauferei
Horst Seehofer reibt sich in Passau weder an "seinem Freund Guido" noch an der Opposition
Als sich Seehofer im Anschluss auch noch intensiv mit einem "Masterplan Finanzen" für die kommenden zehn Jahre auseinandersetzt, sich aufrichtig dem garantierten Stimmungstöter Landesbank stellt und sich in sattsam bekannter "Bayern vorn"-Rhetorik verliert, häufen sich bei den Journalisten die Anfragen von Zuhörern, wie lange denn das Gerede da oben mit Blick auf den vorab verteilten Stichpunktzettel Seehofers noch dauern werde. Es ist der Moment, an dem die Stimmung im Saal zu kippen droht und sich Seehofers Stimme zu überschlagen anfängt, weil er gegen das lauter werdende Gemurmel an den Bierbänken anreden muss. Seehofer versteht die Signale und hakt die restlichen Manuskript-Punkte im Schnellverfahren ab.
Wach wird die müde gewordene Menge im Saal erst wieder, als der CSU-Chef die "christliche Leitkultur" beschwört. "Wir opfern den Sonntag nicht dem Kommerz", beharrt auf seinem Nein zur Aushöhlung des Ladenschlusses, und Minarette dürften in Bayern nicht höher sein als Kirchtürme. Solche Sprüche sorgen genauso verlässlich für Jubelstürme wie die Absage an einen EU-Beitritt der Türkei oder das Bekenntnis zum Kreuz im Klassenzimmer. Diese Sätze will der Aschermittwochsbesucher hören, deswegen kommt er alle Jahre nach Passau.
Von Jürgen Umlauft |
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Passau
Eine nicht ausgelebte Rauferei
Horst Seehofer reibt sich in Passau weder an "seinem Freund Guido" noch an der Opposition
Wie bei Stoiber
Am Ende gelingt Seehofer sein zweites Erweckungswunder. Wie schon vor vier Wochen in Kreuth, als er aus verzagten Landtagsabgeordneten froh gestimmte Missionare in eigener Sache gemacht hatte, fordert er nun die Passau-Pilger auf, auszuströmen und "das Feuer der Konservativen" hinauszutragen. Die Schwarzen, denen er mit "allen Fasern meines Körpers" diene, hätten eine gute Zukunft. "Bayern und schwarz - Gott erhalt's" schließt Seehofer nach 100 Minuten. Dann singen sie im Saal "Oh wie ist das schön". Das letzte Mal taten sie das, als Edmund Stoiber auf dem Höhepunkt seiner Macht war.
Die vor eineinhalb Wochen wegen gravierender Hygienemängel geschlossene Großbäckerei Müller-Brot ist in den vergangenen zweieinhalb Jahren 21 Mal von der Lebensmittelüberwachung kontrolliert worden.
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Die vor eineinhalb Wochen wegen gravierender Hygienemängel geschlossene Großbäckerei Müller-Brot ist in den vergangenen zweieinhalb Jahren 21 Mal von der Lebensmittelüberwachung kontrolliert worden.
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