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Von Monika Angerer  |  27.11.2009  | Netzcode: 2098713  |  403 Mal gelesen.

Sünder, Seuchen, Seelenheil

Von Bußbüchern und Mietbüßern: Neue Erlebnisführung mit Schauspiel der Stadtmaus - Sieben Todsünden und ein Strafkatalog

Die Jakobsmuscheln weisen diesen Herrn eindeutig
Die Jakobsmuscheln weisen diesen Herrn eindeutig als Pilger in Richtung Santiago de Compostela aus: Und falls Sie noch jemanden suchen, der stellvertretend Ihre Sünden für Sie abbüßt - der Mietbüßer hätte noch Kapazitäten frei für ein paar Verfehlungen mittlerer Güte. Bild: Angerer
Dass die Erfindung des Fegefeuers eigentlich eine erfreuliche Sache war, ist dem modernen Menschen von Heute nicht mehr klar. Nach dem Besuch des neuen Stadtmaus-Schlagers "Sünder, Seuchen, Seelenheil" ändert sich die Sichtweise auf den mittelalterlichen Umgang mit Sünde und Buße grundlegend.

"Eigentlich konnte man im Mittelalter bei dem riesigen Sündenkatalog keinen Tag leben, ohne mehrere Sünden auf sein Seelenheil-Konto zu laden", erklärt die Führerin. In mannigfaltigen und umfangreichen Bußbüchern wurde festgelegt, wie viele Gebete für die jeweiligen Vergehen abzuleisten waren. Das galt aber nur für die so genannten "lässlichen" Sünden wie beispielsweise "unbotmäßige Gedanken". Dafür musste der Delinquent im Mittelalter schlimmstenfalls vier Wochen von Wasser und Brot leben.

Daneben gab es aber noch den Kodex der sieben Todsünden und um die göttliche Strafe für Vergehen auf dieser Ebene zu umschiffen, und nach dem Ableben nicht automatisch ins ewige Höllenfeuer zu plumpsen, waren komplizierte und teuere Bußakte nötig. Der Sünder musste zum Beispiel eine Pilgerreise nach Santiago de Compostela zum Grab des Heiligen Jakob auf sich nehmen, für die er locker mal ein Jahr unterwegs gewesen sein dürfte - ein Himmelreich für einen Sponsor!

Handel und Himmel



In Zeiten der Finanzwirtschaftskrise fühlt es sich schon fast wieder vertraut an, wenn man bei dieser Stadtmaus-Führung erfährt, dass im Mittelalter weltlicher Reichtum, der durch Handel erzielt wurde, per se als Sünde galt. Reichtum auf Erden war - anders als später bei den Calvinisten und Puritanern - keine Garantie für das Seelenheil im Jenseits, sondern, ganz im Gegenteil, ein lästiger Stolperstein auf dem Weg in den Himmel.

Wenn man bedenkt, wie reich der Handel die Patrizierfamilien der Stadt gemacht hatte, wird klar: Diese wohlhabenden Handelsleute hatten alle ein ernstes Problem. Vor den Toren des Doms trifft man bei "Sünder, Seuchen, Seelenheil" konsequenterweise auf eine Patrizierdame, die wieder einmal zum Beichten und Büßen in die Kirche will. Unterm Arm das neueste Bußbuch geklemmt, das ihr ein befreundeter Pfarrer geliehen hat. Beim Blättern in diesem Werk, erfährt die hohe Dame von Sünden im Bereich der körperlichen Liebe, von denen sie bis dato nichts geahnt hatte: "Ja, geht das denn überhaupt?" Und ertappt sich prompt bei unkeuschen Gedanken, muss sofort nachblättern, welche Buße darauf steht...

Auf der Steinernen Brücke werden die Teilnehmer der Führung von einem zerlumpten Mietbüßer auf Knien angefleht: "Lasst mich für euch mitbüßen!" Irgendeine Sünde wird sich bei jedem finden lassen! Stellvertretend für einen reichen, aber kranken Händler sei er unterwegs auf dem Jakobsweg, habe aber noch Kontingente frei.

Er selbst müsse dafür büßen, dass er mit der Magd ein nichteheliches Kind gezeugt habe. Zum Glück mildere die Tatsache, dass es sich um eine schöne Frau gehandelt habe, seine Buße, denn größere Schönheit verursache größere Versuchung also weniger Schuld. Andererseits warnte vorher die Patrizierdame, Unzucht mit einer schönen Frau sei noch sündiger als mit einer hässlichen, da die Lust dabei größer ist. Da hatte der Beichtvater des Lumpenpilgers wohl ein anderes Bußbuch vorliegen - davon gab es nämlich so viele wie Interpretationen verschiedener Verfasser.

Fegefeuer, die bessere Hölle



Die Menschen des Mittelalters mussten sich täglich um ihr Seelenheil sorgen und vor der ewigen Verdammnis in der Hölle fürchten. Da erhöhte der Trick mit dem Fegefeuer die Chancen der Sünder schon gewaltig: Zwar mussten die befleckten Seelen eine Zeit im reinigenden Feuer verbringen und dort so lange "brennen", bis ihnen all ihre Sünden vor Augen geführt worden waren. Aber aus dem Fegefeuer hinaus gab es einen Ausweg, nämlich nach oben in den Himmel. Zu Lebzeiten konnten man durch Armenpflege oder das Gründen von Stiftungen Bonuspunkte für das Jenseits sammeln.

Folgerichtig führt uns der Weg über die Steinerne Brücke zu einem der ältesten Spitale der Stadt, dem Katharinenspital in Stadtamhof. Gestiftet wurde es von der Patrizierfamilie Zandt, die sich in der Stiftskirche ein exklusives Familiengrab einrichten ließ. Vor dem gotischen Kirchlein treffen wir ein letztes Mal auf unsere Patrizierdame. Diesmal ist sie zusammen mit ihrem sündigen Ehemann unterwegs. Sie hat sich in den Kopf gesetzt, hier ein Traufgrab zu erwerben und liegt ihrem Gatten damit in den Ohren. Traufgräber liegen in unmittelbarer Nähe der Kirche, so dass der Segen aus dem Gotteshaus sich über die Regentraufe unaufhörlich auf sie ergießen kann. Nachdem der Patrizier endlich nachgegeben hat, kann sich die Gruppe der Erlebnisführung bei einem Glas Spitalbier erholen und in aller Ruhe darüber plaudern, zu welcher Sorte von Sünden das nun wieder zählen könnte...

Weitere Informationen im Internet:
www.stadtmaus.de

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