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Von Jürgen Herda  |  27.11.2009  | Netzcode: 2098681  |  592 Mal gelesen.

Erotik auf dem Teller

"Chez Thierry" treffen sich Regensburgs Franzosen und Frankophile - Thierry Bardeau aus Bordeaux ist Fischkochkünstler

Kroko-Carpaccio an Maracuja-Jus und gebackener
Kroko-Carpaccio an Maracuja-Jus und gebackener Ziegenkäse an Kartoffelrösti mit Salatbouquet. Bild: Herda
Thierry ist der einzige Koch in Regensburg, den ich nicht nachmachen kann!" Was für ein Kompliment! Und nicht von irgendjemandem. Recherchiert haben wir bei der Instanz für französische Küche in Regensburg: Ilse Arnault des Lions, französischer (Küchen-) Hochadel. "Er versteckt nichts mit Gewürzen und ist Experte für Fisch, weil das seine Leidenschaft ist."

Wir machen die Probe aufs Exempel. Der Blick in die Speisekarte beweist: Der Mann kocht alles, was schwimmt. Heute gibt's Krokodil-Carpaccio. Wie bitte? Stehen die Viecher nicht unter Artenschutz? "Stehen sie nicht", klärt der charmante Oberkellner Chris auf. Er studiert Englisch und Geschichte auf Lehramt und möchte auch nach der Verbeamtung weiter die Gäste unterhalten. "Das Kroko hat Thierry für ein südafrikanisches Menü auf die Karte genommen", klärt der gelernte Tanzlehrer auf und tänzelt elegant zur Theke, wo einige Franzosen bei einem Viertel Roten über Sarkozys 979. Reform parlieren.

"Chez Thierry" ist Programm für die Frankophilen der Stadt. Hier wird nicht nur nach allen Regeln der Haute Cuisine gekocht, hier fühlen sich alle zu Hause, die sich der Grande Nation trotz des peinlichen Handspiels von Namensvetter Thierry Henry verbunden fühlen. "Unsere Stammgäste kommen aus ganz Frankreich", zählt der Chef de Cuisine auf, "aus Poitier, Clermont-Ferrand, Rennes, Strasbourg, Korsika, der Normandie, der Bretagne". Und was ist mit Paris?, wagen wir zu fragen. "Wir haben von Frankreich gesprochen", gibt Thierry Bardeau aus Bordeaux mit gerunzelter Stirn zurück, als ob Majestix, den Häuptling der Gallier, jemand nach Alesia, dem Ort der Schmach, gefragt hätte.
Thierry Bardeau und seine maritimen Kreationen.
Thierry Bardeau und seine maritimen Kreationen.


Paris, welches Paris?



"Kein Franzose mag die Pariser", lästert der stets schwarz gekleidete Existentialist. "Ist für einen Single einfacher", grinst der gelernte Koch mit Blick auf seine monochrome Kluft, "so bekommt man schneller eine Waschmaschine voll." Zum anregenden Palaver serviert Chris das filetierte Reptil: Wie hat man sich den Geschmack des grünen Kriechmonsters mit Panzerschuppen vorzustellen? Der feine, weiße Aufschnitt zergeht rauchig auf der Zunge - ein würziger, mit Maracuja-Marinade gemilderter Abgang überrascht den Gaumen.

Die Liste mit den Namen, die sich Thierry für sein erstes eigenes Restaurant ausgedacht hatte, war lang: "Napoleon" stand da drauf und "Nemo" aber auch "Jupiter's Garden". Aber seien wir ehrlich, der kleine Korse hat's schon etwas wild getrieben, und an den armen Nemo wollen wir auch nicht denken, wenn wir seine Artgenossen in die Pfanne hauen. ",Chez Thierry' muss das heißen, sagten meine Freunde und ich dachte - o.k., damit ist alles gesagt."

Klingt ziemlich französisch und in Regensburg weiß doch eh jeder, dass der 40-Jährige, der seit 20 Jahren in Regensburgs französischen Fischhochburgen zaubert, für maritime Delikatessen berühmt ist. Nein, ich sage nicht, der "Loup de mer sur lit de lentilles vertes du puy à la moutarde" sei ein Gedicht gewesen, auch wenn es sich auf Französisch so anhört. Thierry ist kein verzärtelter Poet, der drei - seit sieben Wochen in Dijonsenf eingelegte - Linsen neben einem dünnen Hering drapieren würde. Das Wolfbarschfilet auf grünen Linsen ist eine stürmische Seemannsportion, bei der man noch den Wellenschlag gegen die Bordwand branden hört. Thierry ist der Henry Miller unter den Kochfiktionären: "Die französische Küche leidet unter dem Irrweg der ,nouvelle cuisine', die wenig Essen für viel Geld auf große Teller gelegt hat."

Schokoladen-Brüste



Apropos Henry Miller: Thierry bringt "Erotik und Essen" gerne zusammen: Während eine Garde junger Schriftstellerinnen erotische Fantasien zum Besten gibt, serviert der Kunstliebhaber amouröse Leckerbissen wie seine formvollendeten Marzipan-Aphrodisiaka: "Mich inspirierte dazu Ilses köstliche Geschichte von der Frau, die ihren Liebsten überraschen wollte, indem sie ihre Brüste aus Schokolade modellierte."

Der einzige Wermutstropfen an diesem Abend: Nach zwei Viertel vom offenen Roten, ein ausgezeichneter Bordeaux, mussten wir der Verkehrssicherheit Tribut zollen und die Rechnung bestellen - sie spiegelte ohne jegliche Pressevergünstigung ein sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis wider.

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