Die Vision von der sozialen Stadt
Sozialbürgermeister Joachim Wolbergs möchte in Regensburg mehr "Chancengerechtigkeit" organisieren
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| Der Regensburger Bürgermeister Joachim Wolbergs vor dem Alten Rathaus. Der SPD-Politiker möchte einen Beitrag dazu leisten, dass die Stadt gerechter, sozialer und noch lebenswerter wird. Bild: dpa |
Herr Wolbergs, wie viel Einfluss haben Sie als Dritter Bürgermeister und kleinerer Partner einer großen Koalition?
Wolbergs: Man hat als hauptamtlicher Bürgermeister einen Apparat, mit dem man etwas bewegen kann.
Ihr Ziel ist die soziale Fortentwicklung der Stadt. Welche Projekte konnten Sie seit 2008 in Angriff nehmen?
Wolbergs: Schwerpunkte innerhalb meines Ressorts waren die Einführung von Jugendsozialarbeitern in allen Haupt- und Realschulen. In den Grundschulen bekommen Kinder aus bedürftigen Familien eine warme Mahlzeit gratis. Wir ermöglichen ihnen den Zugang zur Sing- und Musikschule und finanzieren Vereinsmitgliedschaften. Aber auch für unsere Senioren waren wir aktiv: Wir bauen ein Altenheim neu, als Haus der vierten Generation - wir sind längst weg von diesen fürchterlichen Verwahranstalten, es geht um eine menschenwürdige Gestaltung des Lebensabends.
Sind die konkreten Folgen des demographischen Wandels bereits erkennbar?
Wolbergs: Ich sehe mir die Situation in Altenheimen regelmäßig an. Früher gab es da immer auch einen Anteil an rüstigen Senioren. Heute sind 90 Prozent Schwerstpflegefälle, oft mit Demenzerkrankungen. Und gerade diese Menschen kann man nicht einfach sich selbst überlassen. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass man auch Alzheimer-Patienten aktivieren kann, wenn man sie durch regelmäßige Ansprache, Spiele oder Singen ins soziale Geschehen miteinbindet. Alte Menschen haben einen Anspruch darauf, dass wir ihren letzten Lebensabschnitt so lebenswert wie möglich gestalten.
Wie wollen Sie diese Ziele realisieren?
Wolbergs: Es gibt dazu zwei Ansätze, die gleich wichtig sind. Die Stadtgemeinschaft funktioniert, wenn wir eine gute Wirtschaftsförderung hinbekommen. Das tun wir. Zweitens, wenn wir Sprengstoff in der Gesellschaft vermeiden. Dazu legen wir unser Augenmerk besonders auf Bürgerinnen und Bürger, die sich nicht selber helfen können, dann auf die, die sich nicht mehr selber helfen können, und ganz besonders auf die, die sich noch nicht selber helfen können.
Wir möchten die Ausgangsvoraussetzungen von Kindern und Jugendlichen zumindest ähnlich organisieren. Ich selbst hatte das Glück, aus einer intakten Familie zu kommen, wo's mir gut ging - in 30 Prozent aller Familien sieht's schlechter bis höchst dramatisch aus. Da hat die Stadt die Aufgabe, Chancengerechtigkeit herzustellen.
Es gab in Regensburg früher berüchtigte Scherbenviertel wie die Konradsiedlung - gibt's so was noch?
Wolbergs: Es gibt auch bei uns Brennpunkte, wenn auch nicht so schlimm wie in Metropolen. Eine wachsende Zahl von Menschen bewältigt die Anforderungen der Gesellschaft nur noch mit Unterstützung, Familienstrukturen brechen weg, immer mehr Alleinerziehende müssen darum kämpfen, über die Runden zu kommen - am meisten leiden die Kinder darunter. Deshalb ist es so wichtig, niedrigschwellig zu reagieren, schon in der Schwangerschaft Beratung und Hilfe anzubieten.
Das ist nicht nur ein Gerechtigkeitsgebot, es ist auch wirtschaftlich klug. Auch wenn manche Finanzpolitiker das oft nicht verstehen: Wenn wir eine Familie stabilisieren, damit wir später nicht an verhaltensgestörten Jugendlichen herumdoktern müssen, sparen wir viel Geld, das wir ansonsten in zehn Jahren ausgeben müssten. Wir haben immer noch zu wenig preiswerten Wohnraum, wir bräuchten Jugendsozialarbeit an allen Schulen. Ich weiß, dass das nicht belegbar ist - es ist mir aber ein Stück weit gelungen, dafür ein Klima zuschaffen.
Der Berliner Ex-Senator Thilo Sarrazin hat mit wenig differenzierten Thesen auf Problemlagen in Neukölln verwiesen: Gibt es auch in Regensburg Ansätze zur Ghettobildung und wie verhindert man sie?
Wolbergs: Es ist sicher nicht so dramatisch wie in Berlin, aber wie das Beispiel Hohes Kreuz zeigt, gibt es Viertel, in denen Probleme geballt auftreten. Wie benötigen Konzepte, wie wir Integrationsarbeit neu organisieren. Gerade weil wir im Gegensatz zu anderen akzeptiert haben, dass wir ein Einwanderungsland sind, müssen wir die Leute überzeugen, in letzter Konsequenz auch dazu zwingen, dass sie sich integrieren.
Wir müssen in Bildungseinrichtungen frühzeitig erkennen, wenn ein Kind nur albanisch redet. Deshalb bieten wir Kurse für die Mütter an, weil es zentral ist, was zu Hause gesprochen wird. Wir machen die Betroffenen auf Beratungsangebote aufmerksam, damit sie begreifen, wie wesentlich die Übergänge von Kindergarten zur Grundschule und zu weiterführenden Schulen sind - es kommt darauf an, dass die Eltern verstehen, welche Möglichkeiten es gibt, ihre Kinder zu fördern. Viele dieser Ansätze werden vom Projekt "In-Migra-KiD" gebündelt. Wir haben in fast allen Kindergärten und Grundschulen Integrationsbeauftragte - das sind Pädagogen, die das freiwillig und gerne machen, weil sie es für wichtig halten.
Was steckt hinter der Idee der Behinderten-Stadtpläne und wo bekommt man sie?
Wolbergs: Wir wollen damit sichtbar machen, wo was und wie für Behinderte zu erreichen ist. Wir haben etwa die Tourist-Info behindertengerecht umgebaut. Der CSU-Antrag, Tastmodelle am Dom anzubieten, scheitert leider am Geld. Ich bin Behindertenbeauftragter und weiß, dass es oft die kleinen alltäglichen Dinge sind, die die Menschen beschäftigen. Man will in einen Laden gehen und kommt wegen der Treppen nicht rein. Die Frage der Erreichbarkeit von Parkhäusern spielt eine Rolle. Wir bitten deshalb Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen, sich bei den Bauplanungen einzubringen, und bemühen uns, gut aufzupassen.
Sie selbst haben das neue Jahr mit einem Infodienst in der Tourist-Information begonnen - wie war der Andrang?
Wolbergs: Der Tag ging für mich schon viel früher los. Ich habe in der Neujahrsnacht bei der Straßenreinigung mitgearbeitet, um einmal aus eigener Anschauung mitzubekommen, was für eine Menge Müll die Jungs wegschaffen, während die meisten Regensburger längst schlafen. Um 9 Uhr ist schon alles erledigt. Um 11 Uhr war ich dann in der Tourist-Info, und alle Gäste, die zu uns kamen, waren verwundert, dass die Stadt selbst am Tag nach Silvester so sauber ist. Mich hat einfach mal interessiert, wie das so abläuft. Manche wollten nur ein Hotel buchen, andere informierten sich über Sehenswürdigkeiten.
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