ARZBERG
Gelungene Luftnummern
Bayerische Meisterschaft im Luftgitarrespielen
Irgendwie hat das alles einen Hauch von Joe Cocker: Wildes, zum Teil unkoordiniertes Gestikulieren mit Armen und Händen in Kombination mit ruckartigen Bewegungen des Ober- und Unterkörpers, die bei Orthopäden Schlimmes befürchten lassen. Es ist aber nicht der "Altmeister" und mutmaßliche Begründer der ungewöhnlichen Disziplin, der da auf der Bühne steht: Im oberfränkischen Arzberg waren am Samstagabend neun Männer zwischen 16 und 60 Jahren angetreten, um den Bayerischen Meister im Luftgitarrespielen zu ermitteln.Als "Spinnerei" würde Michael Neidhardt, Hauptorganisator der Veranstaltung, den Wettbewerb nicht bezeichnen. "Niemand kann sagen, er hätte es noch nie gemacht", so der 40-Jährige, im Hauptberuf Kinobetreiber in Tirschenreuth. Auf Partys, auf Geburtstagen, auf Konzerten - jeder solle mal drüber nachdenken, wann er zum letzen Mal in die imaginären Saiten gegriffen hat. Bayerischer "Luft-Gitarrengott" zu werden ist nicht unbedingt einfach - das wird in Arzberg jedenfalls deutlich. "Dem Reglement der German Air Guitar Federation entsprechend, gibt es auch bei uns eine Jury, die knallhart die Auftritte bewertet", erzählt Neidhardt. Ausschlaggebend sind dabei Kriterien wie die Originalität der Leistung, die Ausdrucksfähigkeit hinsichtlich der musikalischen Botschaft, das Charisma, die technischen Fähigkeiten, der künstlerische Gesamteindruck sowie natürlich die "Luftigkeitstauglichkeit".
Der Auftritt der einzelnen Teilnehmer beginnt mit der "Kür" - einem selbst gewählten 60-Sekunden-Stück, zu dem die Akteure auf der Bühne ihre Akrobatik hinlegen. Für manch einen bleibt es eher die sprichwörtliche Luftnummer, denn bei Totos "Africa" schlafen eher die Finger ein, als dass sich ein genialer Riff an den anderen reiht. Ein Angus Young, Jimi Hendrix oder Eric Clapton ist eben noch nicht vom Himmel gefallen. Die vierköpfige Jury reizt deshalb auch fast das gesamte Bewertungsspektrum aus, das - in Anlehnung an den Eiskunstlauf - von 4,0 bis 6,0 reicht. Die Höchstnote ist zwar nicht dabei, aber die 5,8 wird nicht nur einmal vergeben. Schnell kristallisieren sich die Favoriten heraus: "Great Rock'N'Roller", "Spider Monk", "The Scotch Man" und "Jim himself". Mit ihren Darbietungen zu "Highway To Hell" von AC/DC oder "Straight To Hell" von Rage begeistern sie Experten und Publikum.
Die Entscheidung fällt in der "Pflicht": Allen Teilnehmern wird das Lied "Rockin' All Over The World" von Status Quo vorgespielt, im Anschluss müssen die Luft-Gitarristen in umgekehrter Reihenfolge der Platzierung ihre Interpretation zum Besten geben. Bei jedem der Teilnehmer geht die Bewertung nach oben - daran haben vielleicht auch der Energy-Drink eines Sponsors oder die eine oder andere Flasche Bier ihren Anteil. Auch diejenigen, die den Rockklassiker von Status Quo zum ersten Mal in ihrem Leben gehört haben, verkaufen sich ganz passabel.
Letztendlich ist es aber Michael "Spider Monk" Lihl, der Titelverteidiger, der die Gunst der Jury erobert. Wie ein Derwisch wirbelt er über die Bühne, geht immer wieder am Bühnenrand auf die Knie, spielt die Luftgitarre über dem Kopf, wirft sich auf den Boden und dreht sich rücklings im Kreis. Diese Art der Einlagen kennt man von Francis Rossi, dem Leadsänger und -gitarristen der britischen Band, zwar nicht unbedingt, aber das stört in Arzberg an diesem Abend niemanden. Als Sieger der Bayerischen Vorausscheidung darf Lihl am 28. Juli an den Deutschen Meisterschaften in Berlin teilnehmen.
Holger Stiegler


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