"Die im Schatten machen die Arbeit"
Dr. Wolfgang Schörnig, kommissarischer Leiter der Ostdeutschen Galerie, entfacht ein Wir-Gefühl: Erfolgreichstes Jahr ohne Chef
„Ich bin im Dezember 2010 wie die berühmte Jungfrau zum Kind gekommen“, erklärt Schörnig, auf den Kraft Amtes als stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Stiftungsrates automatisch die Wahl fiel. „Mein Vorgänger hat mir noch gesagt: ,Das kannst ruhig machen, da hast du zweimal im Jahr eine Sitzung‘,“ lacht der Musenchef auf Zeit. Bereut hat es der passionierte Tänzer dennoch nicht: „Das ist doch eine spannende Geschichte,“ sagt der Riedenburger, „welcher Jurist kann schon sagen, er hat ein Museum geleitet?“
Keine Statusprobleme
Warum es so schwer ist, die Ostdeutsche Galerie langfristig und nachhaltig zu leiten, wie das der Rechts- und Umweltreferent der Stadt Regensburg in seinem Ressort nennen würde, darüber möchte er nicht so gerne spekulieren. Fakt sei jedenfalls, dass er nach einem Jahr Zusammenarbeit über sein Team nur das Beste sagen könne: „Wir haben hier im Haus eine unheimliche Kompetenz, die sich jetzt auch entwickeln kann, wie die gemeinsame Vorstellung des Programms für 2012 zeigte – wir hatten keine hierarchischen Statusprobleme, jeder hat sich engagiert beteiligt und auch die Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat war reibungslos.“
56 Bilder
Sicher, man kann sich alles schönreden: Deshalb verzichten wir an dieser Stelle auf Worte und lassen Bilder sprechen. Sie wissen ja, "One Look is Worth A Thousand Words", in diesem Sinn können Sie sich davon überzeugen, dass der "Indian summer" in Regensburgs Alleen und Parks allemal einen Besuch lohnt. Zum Aufwärmen taugen die nahen Kunsttempel wie die Ostedeutsche Galerie oder ein Glühwein in der Alten Linde.
Vielleicht würde der oder dem neuen Museumsleiter, die oder der nach gut unterrichteten Kreisen aus einer Vielzahl prominenter Bewerbungen demnächst ausgewählt werde, ja auch mal die Binsenweisheit „weniger ist mehr“ gut zu Gesicht stehen. Die Vierjahresverträge verleiten ähnlich wie in der Politik dazu, sich für die künftige Laufbahn zu empfehlen. „Der gesamte mediale Fokus liegt auf der einen Person“, sagt Schörnig, „viele wussten gar nicht, dass wir hier 38 Mitarbeiter haben.“ Das sei manchem erst aufgefallen, als entgegen ursprünglicher Befürchtungen, nach dem vorzeitigen Abgang der geschassten Andrea Modesta nicht alles zusammengebrochen sei. „Es gilt eben noch immer Brechts Verdikt, ,die im Schatten sieht man nicht‘, aber die machen die Arbeit.“
Neuer Besucherrekord
Welche Energie die neue Harmonie im Haus freisetzte, zeigte die erste Jahrespressekonferenz, bei der elf Mitarbeiter kundtun durften, was sie zum erfolgreichsten Jahr in der Geschichte des KOG beigetragen hatten: „Wir haben die Besucherzahl gegenüber dem Vorjahr von 35.000 auf 43.500 gesteigert“, freut sich der 61-Jährige, dem der Showkult, der in den letzten Jahren die Kunstszene bestimme, zuwider ist. „Das Wetteifern mit großen Namen und teuren Museumsevents, ist ein verhängnisvoller Weg.“ Alle Ausstellungsmacher meinten, sie würden nur dann Projektförderungen bekommen, wenn Lüpertz oder Ai Weiwei in den Anträgen stünden.
Dass es auch anders gehe, zeige die aktuelle Doppelausstellung (20. November bis 26. Februar)mit Grafiken und Gemälde von August Brömse (1873-1925), einem der wichtigsten deutschböhmischen Künstler, in Gegenüberstellung mit zeitgenössischen Arbeiten seiner Urenkelin Kathrin Brömse (*1970). Für das Projekt mit dem bisher zu Unrecht nur in Fachkreisen bekannten Prager Maler und der Neuinterpretation durch dessen Urenkelin Katrin habe das KOG Fördermittel in Höhe von 80.000 Euro bekommen: „Damit können wir uns sogar einen wissenschaftlich fundierten Katalog leisten“, kann sich Schörnig für das originelle Thema begeistern. „Wenn sie dagegen Lüpertz haben wollen, bekommen Sie dessen Chefgaleristen, der ihnen die unverkauften Werke zusammenstellt.“
Kunst-Sein statt Show-Schein
Weniger Schein und mehr Sein empfiehlt der „Kunst-Kommissar“ auch für die Basisarbeit vor Ort. „In vielen Musen wird die Arbeit am Besucher vernachlässigt“, nimmt der Dezernent gerne Anleihen aus seinem Umweltressort, wenn es der Erfolgsfindung dienlich ist. „Wenn ich ein Umweltbewusstsein schaffen möchte, muss ich bei den Kindern anfangen, das ist in der Kunst nicht anders.“ Mit sieben Teilzeitkräften als Museumspädagogen habe man 100 Kindergeburtstage im KOG veranstaltet: „Sie sollten die leuchtenden Kinderaugen mal sehen, wenn die da im Kuppelraum mit ihren Buntstiften hantieren und ihre Versionen unserer Gemälde malen – das sind unsere Besucher von morgen.“
Auch das Unternehmen Familien-Frühstück und der erste Jahresempfang für Senioren bei Kaffee und Kuchen mit rund 200 rüstigen Rentnern habe Hemmschwellen abgebaut: „Wir sollten öfter fragen, was unsere Kunden wollen, ein Showevent oder die Umwerbung als gern gesehener Gast?“ Das schaffe Begeisterung, wenn das Haus zu Leben erwache. Im bisher kaum genutzten Grafiksaal möchte Schörnig unbekannten Künstlern die Möglichkeit bieten, eigene Arbeiten mit Bezug auf das KOG zu zeigen. „Dabei fassen wir den Rahmen nicht allzu eng“, lädt er ein, „ein Tanz-Workshop des Vereins Mischkultur zu Themen unserer Ausstellungen ist genauso willkommen wie Lesungen des Ostbayerischen Schriftstellerverbands mit Texten von jungen Autoren zu unseren Bildern.“
Ostdeutsche Kunst?
Für den Pragmatiker versteht sich von selbst, dass das Gründungsmotto des Museums „Deutsche Kunst in osteuropäischem Kontext“ – gemäß Paragraph 96 des Vertriebenengesetzes – in gegenwärtige Bedürfnisse übersetzt werden müsse: „Wir werden fälschlicherweise als Vertriebenenmuseum abgestempelt“, bedauert Schörnig die Fehlinterpretation des inzwischen modifizierten Namens „Kunstforum Ostdeutsche Galerie“, „man muss das modern auslegen. Gegenstand sei Kunst aus ehemals deutsch geprägten Kulturen im Spiegel der Zeit, Landesgrenzen spielten keine Rolle, alles sei im Fluss. „Uns interessiert auch, wie sich Künstler, die in diesen Kulturräumen leben, weiterentwickelt haben – im Zuge der Vernetzung mit Europa ist das ein sehr zukunftsorientierter Ansatz.“
Ganz im Sinne des passionierten Tänzers Wolfgang Schörnig ist das Programm „Edle Kunst und edler Tanz“: „Nach der Führung können Sie bei schönem Ambiente im Anzug und Kleid elegante Standardtänze aufs Parkett legen – dann brauchen sie keinen Lüpertz, der Sie mit der Attitüde des Kunstfürsten unterhält.“
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Interview und Bildergalerien auf:
www.kunstforum.net
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