Von Harald Mohr  |  18.08.2010  | Netzcode: 2457304  |  133 Mal gelesen.
Vilseck

Ein Name, ein Mensch

Künstler verlegt "Stolpersteine" jetzt auch in Vilseck

"Schluss-Steine" statt Grabsteine: Pflastersteine
"Schluss-Steine" statt Grabsteine: Pflastersteine vor dem Einbau. Bild: Harald Mohr
Hoppala, was ist das? Das sollen sich künftig die Vilsecker und alle Besucher der Stadt denken, wenn sie auf einen „Stolperstein“ stoßen. Jeder von ihnen erinnert an ein jüdisches NS-Opfer, das in dem Haus gelebt hat, vor dem der Stolperstein steckt. Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat in Vilseck die ersten „Stolpersteine“ im Landkreis verlegt. Schön sauber und in einer Flucht mit dem Pflaster, denn man soll nur mit dem Kopf stolpern, nicht mit dem Fuß.

25 000 Stolpersteine hat der Künstler in ganz Europa schon verlegt, Vilseck ist die 576. Kommune in Deutschland, die „stolpern“ lässt. Seit zehn Jahren betätigt sich der studierte Künstler nun als Pflasterer. „Es wird langsam heftig mit dem Rücken“, sagt der 63-Jährige. Die Mammutaufgabe war ursprünglich nicht als konkrete Baumaßnahme gedacht, sondern eher „für die Schublade“, gesteht der pflasternde Künstler.
Künstler Gunter Demnig: "Du musst eine Verbeugung
Künstler Gunter Demnig: "Du musst eine Verbeugung machen." Bild: Harald Mohr


Da hat er nicht mit Europas Kommunalpolitikern gerechnet. Deutschland ist dabei noch gar nicht mal am eifrigsten. „Norwegen will allein 700 Stolpersteine“, erzählt der Künstler. Sein armer Rücken. Schließlich verlegt er seine Steine selbst, dieser Akt ist Bestandteil des Gesamtkunstwerks. Auch vor dem Haus, in dem einst die Familie Pollack wohnte, geht dem schnöden Pflastern ein Akt der künstlerischen Schöpfung voraus. Sorgsam dreht Gunter Demnig die vier Steine in Schräglage, klopft sie in das Betonbett und kippt Schnellmörtel darauf. Die Männer vom Städtischen Bauhof helfen beim Wiederzupflastern.

Jetzt hat Gunter Demnig Zeit, zu erzählen. Jeder Stein ist ein Name, ein Opfer. Schüler, die von -zig Millionen Opfern hören, können damit nichts anfangen, weiß der Kölner, der auch einmal auf das Lehramt „Kunstgeschichte“ studiert hat. „Irgendwo bleibt das abstrakt.“ Durch seine Steine bleiben die einzelnen Schicksale erinnerbar. Nur solange es einen Namen gibt, gibt es auch den Menschen. Bei seinen Verlegungen kommen oft Angehörige aus aller Welt zusammen, die schon seit Jahrzehnten nichts voneinander gehört haben. „Die Familien treffen über die Steine wieder zusammen.“
Hier wird man künftig mit dem Kopf stolpern:
Hier wird man künftig mit dem Kopf stolpern: Gunter Demnig bei der Arbeit. Bild: Harald Mohr


Natürlich gibt es auch Ewiggestrige, doch es sind nicht viele. „Ich habe in den zehn Jahren nur drei Morddrohungen bekommen“, sagt der Künstler gelassen. „Damit kann man leben.“ Auch gebe es Stimmen, die es unwürdig finden, wenn man auf Namen „herumtrampelt“. Das Gegenteil trifft zu, findet der Künstler: Wer auf einen Stolperstein stößt, der müsse innehalten und sich nach vorne beugen, um zu lesen, was da steht. „Du musst zwangsläufig eine Verbeugung vor den Opfern machen“, freut sich der Künstler.

Da liest der Spaziergänger dann auch, was auf der Messingplatte eingraviert ist. Es sind schlichte Worte. „Hier wohnte Irma Kohner, geb. Pollak, Jg. 1900, Heimatort verlassen, deportiert 1942, Maidanek, ermordet“ steht da etwa.
Pflastern als Aktionskunst: Angehörige und
Pflastern als Aktionskunst: Angehörige und Zeitzeugen schauten zu. Bild: Harald Mohr


Kein Wortschmalz also, nur nüchterne Feststellung der Tatsachen, eine Eigenschaft, die auch guten Journalismus ausmacht. Dieser hier ist eine Art dauerhafte Kurzmeldung aus der Vergangenheit. Gerichtet an alle, die hier zufällig vorübergehen. Und sie verliert nie an Aktualität.
Das Material Messing ist wohl gewählt. Durch Ausprobieren hat man inzwischen die optimale Mischung der Kupfer-Zink-Legierung herausgefunden. Sie verträgt die tägliche Begehung, braucht sie sogar, weil das Metall auf diese Weise immer blank poliert bleibt.

Und so wird man theoretisch auch noch in 1000 Jahren diese Namen lesen, hinter denen Schicksale stehen, wie das der beliebten Apothekerin Emma Eckstein, die die Gemeinde stets unterstützte. Oder das der Familie Pollack, die einen Kurzwarenladen betrieb. Einst bekannte Bürger, an die sich heute nur noch wenige Zeitzeugen erinnern können. Aber über deren Namen künftig viele stolpern werden.
Stolpern auch in Vilseck: Manfred Wiesmeth (38)
Stolpern auch in Vilseck: Manfred Wiesmeth (38) hatte die Idee, als ihm sein Vater von den Juden in Vilseck erzählte. Bild: Harald Mohr

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