Von Harald Mohr  |  18.08.2010  | Netzcode: 2457294  |  264 Mal gelesen.
Waidhaus

Waidhaus macht Druck

Besuch der Gasverdichterstation von E.ON Ruhrgas

Diplomingenieur Thomas Penzl ist der
Diplomingenieur Thomas Penzl ist der Bereichsleiter Betrieb Ost der E.ON Ruhrgas AG und der Chef der Verdichterstation in Waidhaus. Bild: Harald Mohr
Wenn Europa in den Sommerferien ist, hat auch die Gasverdichterstation Waidhaus von E.ON Ruhrgas wenig zu tun. Nur einer der neun Verdichter läuft, denn die Gasheizungen in den Häusern brauchen jetzt fast nichts. Wenn im Winter alle Anlagen unter Volllast laufen, können sie pro Stunde bis zu 3,8 Millionen Kubikmeter Erdgas fördern. Das ist etwa zehnmal so viel, wie in das einst größte Gasometer Europas in Oberhausen gepasst haben.

E.ON-Pressesprecher Nikolaus Schmidt zeigt auf eine große Karte. Rechts oben sieht man große, rote Flecken, das sind die sibirischen Erdgaslager. Ein paar dicke Striche führen von hier in Richtung Westen. Die Gasleitungen. Eine davon kommt in Waidhaus heraus: die „Südtransport-Route“. Ein Teil des Gases ist „Transit-Gas“ und wird von der MEGAL (Mitteleuropäische Gasleitungsgesellschaft) bis nach Frankreich durchgeleitet. Der andere Teil wird in Süddeutschland verteilt.

Bevor das Gas verdichtet wird, muss die Durchflussmenge gemessen werden. Gazprom hat extra zwei Russen beschäftigt, die in Waidhaus kontrollieren, dass auch nicht mehr Gas durch die Leitung fließt, als bezahlt wird.
Nur wenige Meter von der tschechischen Grenze
Nur wenige Meter von der tschechischen Grenze entfernt kommt das russische Gas wieder ans Tageslicht (links). Nach Mengenmessung, Reinigung und Trocknung wird es in den Verdichterstationen (rechts) wieder ordentlich unter Druck gesetzt. Bild: Harald Mohr


Auf dem Bildschirm im Leitstand sieht man den Status der Anlage. In dem einzigen laufenden Verdichter Nummer 6 leistet die antreibende Gasturbine – ein Typ, wie er auch in Flugzeugen verwendet wird – gerade etwa 18 500 PS. Für so eine Maschine ist das Teillast. Es reicht aber, um das einströmende Erdgas von einem Druck von zurzeit 52,3 Bar auf 71,6 Bar zu bringen. Das ist noch nicht das Maximum. „Wir können bis auf 85 Bar gehen“, erklärt Betriebsingenieur Armin Hörl. Einer der Verdichter wird durch eine Dampfturbine angetrieben. Der Dampf wird durch das heiße Abgas der Gasturbinen gekocht. So nutzt man die Energie optimal aus.

Durch die Verdichtung ist die Temperatur des Erdgases von 16 auf 45 Grad gestiegen. Warmes Gas hat eine geringere Dichte, bei gleichem Druck strömt dann weniger durch die Leitung. Deshalb müssen riesige Kühler das Gas anschließend wieder herunterkühlen.
E.ON-Pressesprecher Nikolaus Schmidt zeigt, auf
E.ON-Pressesprecher Nikolaus Schmidt zeigt, auf welchen Wegen das Russen-Gas in Waidhaus ankommt. Die roten Flecken rechts oben sind die sibirischen Erdgaslager. Bild: Harald Mohr


Wir gehen an das geöffnete Tor einer der Verdichter, die gerade abgeschaltet sind. Reingehen ist nicht erlaubt, Sicherheitsbestimmungen. Schließlich ist der Verdichter immer noch mit Gas beaufschlagt. „Nicht blitzen!“, warnt Armin Hörl, als der OWZ-Fotograf die Kamera hebt. Das automatische Feuerwarnsystem könnte den Blitz für eine Stichflamme halten. „Dann wird der ganze Raum mit Kohlendioxid geflutet.“

Erst in Würzburg, nach 350 Kilometern Leitungslänge, steht die nächste Verdichterstation. Das ganze System wird von einer Zentrale in Essen aus ferngesteuert. So wird gewährleistet, dass überall genügend Druck in den Leitungen ist. Fast wie beim elektrischen Strom gibt es inzwischen auch ein europäisches Gas-Verbundnetz, das im Bedarfsfall das Gas zu den Regionen mit dem höchsten Verbrauch leiten kann.

Mit einer Einschränkung: Beim Strom gibt es keine verschiedenen Qualitäten, beim Gas schon. Das Erdgas aus Sibirien ist sogenanntes „hochkaloriges“ oder „H“-Gas. Es besteht zu 98 Prozent aus Methan, zu einem Prozent aus anderen ebenfalls brennbaren Kohlenwasserstoffen. Beim schlechteren „L“-Gas dagegen brennen nur 89 Prozent.

Dennoch: Auch bei einem vollständigen Ausfall der Südtransport-Route ließe sich genügend Gas von anderswo in das oberpfälzer Netz einspeisen. Für alle Fälle gibt es auch noch zwei riesige, unterirdische Gasspeicher in Bayern: in Eschenfelden im Landkreis Amberg-Sulzbach und nördlich des Chiemsees. Sie dienen auch als Puffer für schwankende Gasnachfrage: Im Frühjahr pumpt die Verdichterstation Waidhaus denn Eschenfelder Speicher wieder voll, um für den nächsten Winter Reserven anzusammeln.
34 000 PS leistet diese Gasturbine von General
34 000 PS leistet diese Gasturbine von General Electric, die einen der Verdichter antreibt. Bild: Harald Mohr


Wenn das Gas daheim ankommt, hat es eine Reise von etwa zwei Wochen hinter sich. Von dem gewaltigen Druck in der Pipeline ist dann nicht mehr viel übrig. Über verschiedene Stufen wird der Druck reduziert, je mehr sich das Gasnetz verzweigt. Mit kaum mehr als 20 Millibar, also 0,02 Bar, weht nur noch ein laues Lüftchen in den heimischen Gasbrenner.

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