Von Harald Mohr  |  11.08.2010  | Netzcode: 2447972  |  161 Mal gelesen.
Leuchtenberg

Natternkopf statt Burgfräulein

Burg Leuchtenberg als Biotop betrachtet

Burgwartin Rita Lingl erklärte die Burganlage.
Burgwartin Rita Lingl erklärte die Burganlage. Bild: Harald Mohr
Eine mittelalterliche Burgruine: Wir Menschen assoziieren damit tapfere Rittersleut’, anmutige Burgfräulein und ausgiebige Zechgelage. Für Tiere und Pflanzen ist so eine Burg nichts anderes als ein interessantes Felsenbiotop. Auf Burg Leuchtenberg stellten Mathilde Müllner vom Naturpark Oberpfälzer Wald und Burgwartin Rita Lingl vor kurzem im Rahmen der „Bayern Tour Natur“ beide Sichtweisen vor.

Während die Burg als Bauwerk und seit nunmehr 28 Jahren auch als Austragungsort der Burgfestspiele hinlänglich bekannt ist, dürfte sich deren Bedeutung für die Natur noch kaum herumgesprochen haben. Was auf den ersten Blick lebensfeindlich erscheint, verdrängt zwar die Generalisten, schafft dafür aber Lebensräume für speziell angepasste Arten.
Biologin Mathilde Müllner spürte die spezielle
Biologin Mathilde Müllner spürte die spezielle Mauerflora auf. Bild: Harald Mohr


So den Steinpicker, eine Schneckenart mit einem extrem flachen Gehäuse, das es der Schnecke ermöglicht, sich bei Trockenheit in Felsritzen zurückzuziehen. Als „Felsritze“ dienen hier die Mauerspalten, wie sie sich in noch nicht restauriertem Mauerwerk auftun. „Mauern und Felsen sind fast identische Lebensräume“, erklärte Biologin Mathilde Müllner. Das durch den Kalkmörtel verursachte alkalische Milieu macht diesen Lebensraum noch extravaganter. „Der Kalk sorgt für eine spezielle Mauerflora.“

Auch die Wermuth-Pflanze fühlt sich auf den Mauern wohl. „Artemisia absinthium“ ist ihr botanischer Artname, weil das in der Pflanze enthaltene Nervengift Thujon für die Herstellung des im 19. Jahrhundert verbreiteten und ebenso berüchtigten Absinth gebraucht wurde. Dem hochprozentigen Getränk wurde eine psychedelische Wirkung nachgesagt, auch Künstler wie Vincent van Gogh oder Schriftsteller wie Ernest Hemingway suchten damit Inspiration.
Der Natternkopf zieht sich mit haarigen Blättern
Der Natternkopf zieht sich mit haarigen Blättern vor der Hitze an. Bild: Harald Mohr


Harmlos dagegen der Thymian, der im Mittelmeerraum häufig ist, bei uns aber nur auf extrem trockenen Standorten vorkommt. Viele Pflanzen auf dem Burggelände sind eigens dafür angepasst. So die Fetthenne, ein Dickblattgewächs, das in seinen Blättern Wasser speichern kann. Oder der Natternkopf. Haare an Blättern und Stängel schaffen einen windstillen Raum, der die Verdunstung verringert und einen wärmeisolierenden Luftmantel erzeugt. „Anziehen vor der Hitze“, nennt das Mathilde Müllner.

Auch der ringsum anstehende Leuchtenberger Granit bietet an seiner schnell verwitternden Oberfläche einen Lebensraum, wenn auch nur für die absoluten Pioniere: Die unscheinbaren Flechten sind eine hochkomplexe Symbiose aus Pilz und Alge. Der Pilzanteil krallt sich am Fels fest und sorgt für Nährstoff- und Wasserzufuhr. Innen drin leben Algen, die mit ihrer Photosynthese die Energie für das Gesamtsystem liefern.
Der Leuchtenberger Granit bietet an seiner
Der Leuchtenberger Granit bietet an seiner schnell verwitternden Oberfläche einen Lebensraum für Flechten. Bild: Harald Mohr


So eine Burgruine bietet aber auch für die Tierwelt etwas. Die Keller etwa sind „ideale Winterquartiere für Fledermäuse“, freut sich Mathilde Müllner. Und die Felsenbrüter unter den Vögeln fühlen sich hier wie im Paradies. Der Hausrotschwanz etwa hat seinen Namen gerade deshalb, weil er mangels Felsen Mauerwerk als Ersatz annimmt.

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