Von Harald Mohr  |  21.07.2010  | Netzcode: 2419844  |  205 Mal gelesen.
Amberg

Erstes Lexikon war ein Luxusprodukt

Schedel'sche Weltchronik in der Provinzialbibliothek

Bibliotheksleiterin Siglinde Kurz blättert in
Bibliotheksleiterin Siglinde Kurz blättert in einem ihrer wertvollsten Bücher, der "Schedel"schen Weltchronik".
„Venedig zu unseren Zeiten die berühmbtst Stat… Venedig hat vom Anfang ihrer Erpawung zugenomen…“ Klingt bis auf das etwas schräge Deutsch wie aus einem modernen Baedeker, oder? Fehlanzeige: Das Buch, das noch bis zum 30. Juli in der Provinzialbibliothek aufgeschlagen in der Vitrine liegt, ist über 500 Jahre alt.

Spätmittelalter. Der Autor: Hartmann Schedel, Nürnberger Patrizierssohn, geboren 1440, Studium der Künste und der Medizin in Leipzig und Padua, von 1477 bis 1481 Stadtarzt in Amberg. Den Rest seines Lebens verbrachte er in seiner Heimatstadt Nürnberg, wo er 1514 verstarb. Hartmann Schedel hatte eine große Bibliothek daheim. Die Buchdrucktechnik des im Jahr 1468 ruhmlos und verarmt verstorbenen Johannes Gutenberg war noch nicht verbreitet. Noch immer schrieben Mönche in Klöstern die Texte ab. Bis der Nürnberger Anton Koberger die erste Großdruckerei Deutschlands gründete. Um das Jahr 1485 beschäftigte er schon an die 100 Drucker und Setzer. Da kam seinem Nachbarn Schedel – wie damals alle Besserverdiener Nürnbergs wohnte auch er am Fuße der Burg – die Idee, bei Koberger eine Art Enzyklopädie drucken zu lassen, eine Zusammenfassung allen Wissens jener Zeit.

Die ersten authentischen Stadtansichten, hier von
Die ersten authentischen Stadtansichten, hier von Venedig, ermöglichen heute einen fotorealistischen Einblick in das Mittelalter. Bilder: Harald Mohr
Das „buch der cronicken und geschichten mit figure und pildnussen von angebin der welt bis auf dise unsere zeit“, später kurz die „Schedel’sche Weltchronik“ genannt, passte auf 650 großformatige Seiten. Schedel schrieb eifrig ab, was so alles in seiner Bibliothek stand. Aber er erkannte auch, dass ein Buch nur mit Text eine langweilige Bleiwüste ist. „Es war das erste weltliche Werk, das so aufwendig illustriert wurde“, erklärt Bibliotheksleiterin Siglinde Kurz. 1800 Bilder sind in dem Buch, das schon in einem Arbeitsgang gedruckt wurde: Die Holzschnitte wurden einfach zusammen mit den Bleilettern in den Setzrahmen gespannt. Das gab natürlich nur einen Schwarzweißdruck.
Den konnte man so kaufen, aber auch nachträglich handkolorieren lassen. Der Preis stieg dann von etwa zwei auf bis zu sieben Gulden. „Es war ein echtes Luxusprodukt“, weiß Siglinde Kurz. Dennoch druckte man in Nürnberg immerhin eine Auflage von 1400 in der damals üblichen Gelehrtensprache Latein und etwa 700 auf Deutsch, schon das war eine mittlere Sensation. Der Autor des potenziellen Bestsellers musste aber auch eine neue Erfahrung machen. In Augsburg und anderswo kupferte man das Werk einfach ab und verkaufte es in kleinerem Format zum Schleuderpreis. Das Urheberrecht war damals noch nicht erfunden.

Heute ist die Schedel’sche Weltchronik ein unschätzbar wertvolles Kulturgut. Vor allem die ersten wirklich authentischen Städteansichten haben es in sich. So sieht man zum Beispiel auf dem Bild von Regensburg einen erstaunlich modern anmutenden Baukran über dem offensichtlich gerade im Bau befindlichen Regensburger Dom. Weil man die Druckzeit auf wenige Monate genau datieren kann, lässt das Rückschlüsse auch über solche Bauvorhaben zu.

Auch die Oberpfälzer Klöster zählten zu den Kunden der entstehenden Druckereien. Eine lateinische Ausgabe der Schedel’schen Weltchronik fand sich bei der Säkularisation im Jahr 1803 in den Beständen des Klosters. Diesem Umstand haben wir es zu verdanken, dass das Exemplar wie alle anderen in Staatsbesitz übergeführten Bücher in der zu diesem Zweck eigens geschaffenen Provinzialbibliothek in Amberg landete. Dazu kam ein Exemplar in deutscher Sprache aus einem anderen Oberpfälzer Kloster. Beide sehen aus wie neu, obwohl davon auszugehen ist, dass diese womöglich erste Enzyklopädie der Welt von den Mönchen eifrigst gelesen wurde.

Auch 500 Jahre des Herumstehens haben den Büchern nichts anhaben können. „Das bis ins 19. Jahrhundert verwendete Hadern-Papier hält sich“, erklärt Diplom-Bibliothekarin Siglinde Kurz. Man machte es einfach aus alten Putzlumpen. Das muss eine DVD oder ein Speicher-Stick erst mal nachmachen.

Die Provinzialbibliothek hat geöffnet Montag bis Donnerstag von 10 bis 12.30 Uhr und 13.30 bis 16 Uhr, Freitag von 10 bis 12.30 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos.

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