Von Harald Mohr  |  21.07.2010  | Netzcode: 2419810  |  416 Mal gelesen.
Weiden

Dem Wahn das Stigma nehmen

Eintauchen in die Welt psychisch Kranker

Selbstversuch: Der böse Dämon schaute auch
Selbstversuch: Der böse Dämon schaute auch Oberbürgermeister Kurt Seggewiß in den Einkaufswagen. Bild: Harald Mohr
Einkauf im Supermarkt: Die aktuellen Sonderangebote werden durchgesagt. Doch was war das? Irgendjemand quatscht mich blöde an, dann droht jemand zynisch „Sie werden Dich holen“. Doch es ist niemand da.

Halt, ich fühle jetzt jemand ganz nah, aber die Person sagt nichts, stiert mich bloß hinter ihrer dunklen Sonnenbrille an. Jetzt grapscht sie sich auch noch ein paar der Artikel, die ich schon im Korb habe, legt dafür andere rein. So kann ich meinen Einkaufszettel nie abarbeiten.

Es war ein kurzer Einblick in das Leben eines Schizophrenen. Nur ein paar Minuten, aber es hat gereicht. „Beängstigend, frustrierend“, sagt eine andere Teilnehmerin des Selbstversuchs später, und „das waren nur fünf Minuten, aber die machen das ein Leben lang durch“. Mit dieser drastischen Methode versuchte die Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft (PSAG) Nordoberpfalz (zuständig für Weiden und die Landkreise Neustadt/WN und Tirschenreuth) in der vergangenen Woche, der Öffentlichkeit in der Max-Reger-Halle die Lebenswelt von psychisch Kranken nahe zu bringen.
Trübe Aussichten: Selbstversuch im
Trübe Aussichten: Selbstversuch im Depressionsraum. Bild: Harald Mohr


Dafür war einiger Aufwand notwendig. Zum typischen Krankheitsbild der Schizophrenie gehört das Hören von Stimmen und die Wahnvorstellung, dass andere irgendwie Macht über einen ausüben. Die Rolle dieser „Dämonen“ übernahmen mit weißen Kitteln und Sonnenbrillen bewaffnete Schüler einer Fachschule.

An einer weiteren Station konnte der Besucher in die Welt eines Depressiven eintauchen. Eine schwere Bleiweste zog einen buchstäblich runter. Vor sich sah man einen dunklen Gang. Aus dem Kopfhörer wurden diesmal fünf Minuten lang düstere Gedanken eingeflüstert. Dann sollte man am Ende des Ganges versuchen, etwas Positives auf einen Zettel zu schreiben.
Der 2. Vorsitzende der PSAG Nordoberpfalz,
Der 2. Vorsitzende der PSAG Nordoberpfalz, Berthold Kellner. Bild: Harald Mohr


„Die Hauptaufgabe der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft Nordoberpfalz ist die Öffentlichkeitsarbeit“, erklärte 2. Vorsitzender Berthold Kellner bei der Eröffnung der Ausstellung. Immer noch seien psychisch Kranke stigmatisiert. Die Selbsterfahrung sei die beste Möglichkeit, dagegen anzukämpfen.

Anna Magin, die Psychiatrie-Koordinatorin des Bezirks Oberpfalz, nannte die „wirklich hohen Zahlen“ an Betroffenen. Bei einer Studie hätte man bei etwa 30 Prozent der Teilnehmer innerhalb eines Jahres eine psychische Krankheit diagnostiziert. „Umgerechnet auf die Oberpfalz mit ihren 218 000 Einwohnern wären das 60 000.“ Davon seien 15 000 depressiv. „Also eine ganze Kleinstadt.“ 1700 seien schizophren und 5000 Alkoholiker.
Anna Magin, die Psychiatrie-Koordinatorin des
Anna Magin, die Psychiatrie-Koordinatorin des Bezirks Oberpfalz: "Wirklich hohe Zahlen." Bild: Harald Mohr


Leider würden nur etwa 36 Prozent aller psychisch Kranken auch behandelt. Zwar seien es bei den Psychosen etwa 70 Prozent, bei den weniger auffälligen Depressionen aber nur 50 Prozent. Dabei habe der Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik längst seine Schrecken verloren. „Die durchschnittliche Verweilzeit ist heute auf 24 Tage gesunken.“ Die meisten Patienten kämen mit einem einmaligen Klinikaufenthalt aus. Zur ambulanten Behandlung genüge in der Hälfte der Fälle sogar schon der Hausarzt.
Auch dem Tirschenreuther Landrat Wolfgang Lippert
Auch dem Tirschenreuther Landrat Wolfgang Lippert schwirrt offensichtlich schon der Kopf, weil er seinen Einkaufskorb einfach nicht voll kriegt. Bild: Harald Mohr


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