Von Bürgerreporter/in Wolfgang Demleitner  |  06.07.2009  | Netzcode: 1898758  |  891 Mal gelesen.Beitrag einer OWZ-Bürgerreporter/in
Schwandorf

Die Nacht der (W)Orte

Literarische Texte an außergewöhnlichen Schauplätzen in Schwandorf

Havanna
Die Bar "Floridita" in Havanna: Der alte Mann und der Mojito. Bilder: Wolfgang Demleitner
Am Samstag veranstaltete der Architekturzirkel Schwandorf in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt, dem Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium, der Buchhandlung Bücherwelt und der Theaterbühne e.V. die 2. Schwandorfer Nachtlese. Nach dem großen Erfolg des letzten Jahres brauchte es nicht viel Werbung, um auch heuer wieder über 100 Literaturbegeisterte teilnehmen zu lassen. Für jeden Bücherfan war die Veranstaltung ein Muss und der Termin schon lange Zeit vorher im Kalender rot angestrichen.

glocken
Die Glocken von St. Jakob.
In der Nacht der (W)Orte erhalten die Teilnehmer Zutritt zu außergewöhnlichen Orten, die zum Teil nicht öffentlich zugänglich sind. Die spektakulärsten in diesem Jahr waren: Das Glockengestühl des Kirchturms St. Jakob, die türkische Moschee in Krondorf, die Kreuzberg-Krypta und der Ehbauer-Felsenkeller. Aber auch die andern Orte waren infolge ihres literarischen Leckerbissens einen Besuch wert: Biergarten Grosser (Stücke von Karl Valentin), Riecherspund (Wirtshaus-Gedichte), Gewölbe des Stadtmuseums („Das Geheimnis des Kalligraphen“ von Rafik Schami, vorgelesen von OB Helmut Hey), Feuerwache („Schlafes Bruder“ von Robert Schneider, Leserin: Isabella Strobl), Gerhardinger Schule, Cafe Schönberger, THW-Schlauchboot und der Shuttlebus zwischen Kreuzberg und Volksfestplatz.

moschee
Das Highlight: Lesung in der türkischen Moschee.
An diesen zwölf herausragenden Plätzen trug ein Vorleser (oder mehrere) literarische Passagen aus der Weltliteratur oder neu erschienenen Werken vor. Die Texte standen meist in Verbindung mit dem Ort, an dem sie zum Besten gegeben wurden und diese Verbindung von Text und Raum machte den besonderen Reiz aus. Es wurde im 20- bis 30-minütigen Rhythmus vorgelesen. Jeder wählte seine Tour selbst aus. Aber obwohl alle Veranstaltungsorte nahe beieinander lagen, konnte man nicht alles schaffen. So musste man schweren Herzens auf einige Orte und Texte verzichten. Auch dieser Verzicht gehört zum Reiz der Veranstaltung.

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Oberbürgermeister Helmut Hey (links) las auch wieder vor. Noch konnte Landtagsabgeordneter Franz Schindler lachen ...
Die Besucher wurden von einem Concierge empfangen und zu Beginn kurz auf den Ort, den Schriftsteller oder das Werk eingestimmt, bevor die eigentliche Lesung (5 – 10 Minuten) erfolgte. Unsere Highlights waren, ohne die nicht genannten Protagonisten zurücksetzen zu wollen (sie waren alle toll): Eine Sure des Korans in arabischer Sprache in der türkischen Moschee bevor Ferdinand Stümpfl aus „Stehlen Sie dieses Buch“ von Murat Gülsoy vortrug; der Auftritt eines echten kubanischen Grandseigneurs im Cafe Schönberger, der uns in das Havanna zu Zeiten Hemingways versetzte, bevor Doris Huber eine Passage aus „Adios Hemingway“ von Leonardo Padura vortrug; der bucklige (Pardon Berthold Pirzer) Quasimodo aus Victors Hugo „Der Glöckner von Notre Dame“, der die Glocken des Kirchturms St. Jakob zum Schwingen und Klingen brachte; Dani und Markus Kroneder versetzten uns mitten in die Höhle des „Clubs der toten Dichter“. Wer kennt sie nicht die Anrede: „ O Captain, mein Captain“, wer versucht nicht nach dem Leitsatz „Carpe diem“ zu leben. Die in der Kreuzberg-Krypta von Jakob Rester vorgelesene Passage aus „Der Psalmenstreit“ von Maarten´t Hart lässt mich dieses Buch sofort aus dem Schrank holen, wo es seit längerer Zeit ungelesen schlummert.

tot
Im Schwandorfer "Club der toten Dichter".
Ein jeder hatte seine Highlights und wird seine literarischen Begegnungen in einer heißen Schwandorfer Juli-Nacht so schnell nicht wieder vergessen. Der eine im Cafe Schönberger bei Schwandorfs bestem Espresso, der andere so wie MdL Franz Schindler, der als einziger Lesegast im Schlauchboot über die Naab schipperte, frei nach dem Motto „Ich will überleben“ von Deborah Scaling, Leser: Thomas Süß. Letztes Jahr gab es an dieser Stelle „Brudermord im Altwasser“. Da hat er noch mal Glück gehabt.

Apropos letztes Jahr: Man hat aus der Erfahrung gelernt und so gab es in diesem Jahr genügend Möglichkeiten Getränke zu sich zu nehmen.

Und wer die Bücher noch nicht besitzt und jetzt auf den Geschmack gekommen ist, im Schaufenster der „Bücherwelt Schwandorf“ (Bahnhofstraße 20) sind sie alle ausgestellt.

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