Amberg
"Vom Spaß, Nazi zu sein"
Podiumsdiskussion zum Umgang mit Rechtsradikalen: Schwierige Suche nach gemeinsamem Nenner
Amberg. (jrh) "Ich war dreieinhalb Jahre in einer rechtsradikalen Kameradschaft", outete sich Jürgen Rheinbay, "das ist 20 Jahre her". Reingeschlittert sei er aufgrund seiner damaligen Perspektivlosigkeit, des Desinteresses seiner Eltern: "Man sucht sich das Schwächste, um auch auf etwas herunterblicken zu können", gab der heutige Gewerkschafter zu und appellierte leidenschaftlich: "Lasst die jungen Leute nicht hängen!"
Der mutige Auftritt des Aussteigers - "Ich habe den Absprung geschafft, nachdem ich einen Job gefunden hatte und mit Jugoslawen zusammenarbeitete" - war der spannendste Moment einer Podiumsdiskussion unter der Fragestellung "Rechtsextremismus in unserer Region - wie gehen wir damit um?", zu der der SPD-Stadtverband, das DGB-Ortskartell und die Arbeiterwohlfahrt am Donnerstagabend geladen hatten.Das Podium mit CSU-Kreisvorsitzender Barbara Lanzinger, der Neumarkter SPD-Kreisrätin Carolin Braun, dem Weidener Jugendpfleger Ewald Zenger, IG-Metall-Vertreter Helmut Bösl und Achmed Yüksel vom türkisch-islamischen Kulturverein tat sich schwer, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Ziel der Veranstaltung war es laut SPD-Stadtverbandsvorsitzendem Roland Pirner, "angesichts des jüngsten massiven Auftretens der NPD in Amberg alle demokratischen Kräfte zu bündeln".
Rheinbays Beitrag war auch eine Erwiderung auf die ernüchternde These Zengers, der im Weidener Jugendzentrum mit rechtsradikalen Jugendlichen bittere Erfahrungen sammelte: "Das Bild vom perspektivlosen Jugendlichen ist doch Quatsch", beschreibt er seine unfreiwilligen Bekanntschaften als "Jungs und auch ein paar Mädels, die Karriere machen wollen. Hat eigentlich schon einmal jemand von euch darüber nachgedacht, dass es Spaß macht, Nazi zu sein: Wenn 20, 30 Mann losmarschieren und alle Angst haben, weil von der Gruppe Stärke ausgeht?"
Zengers Rezept: "Wir müssen rein in die Jugendarbeit - wir brauchen starke Kinder und die brauchen starke Eltern." Wer erstmal in die hierarchischen Strukturen der Neonazi-Szene abgerutscht sei, sei kaum mehr erreichbar: "Keine fünf Minuten rede ich mit so einem braunen Sack!" Zu der Kontroverse trugen auch einige junge Männer bei, die sich erst im Laufe der Diskussion als NPD-Mitglieder zu erkennen gaben: "Wir werden rausgeschickt, ohne dass wir uns äußern können", nahm ein Parteimitglied die Märtyrerrolle ein, "ich dachte, dass nur nationale Kräfte so denken". Während die Mehrheit der Gäste den Hausverweis lautstark unterstützte, gab es auch kritische Stimmen: "Es ist uns nicht gelungen zu zeigen, dass wir mit Argumenten überzeugen können", bilanzierte eine junge Frau.
Jugendpfleger Zenger war mit dieser Analyse überhaupt nicht einverstanden: "Wir hocken wieder da als Gutmenschen und philosophieren, während die uns verarschen. Die wollen uns weg haben." Die Taktik sei klar: "Mit den Mitteln der Demokratie die Demokratie auszuhöhlen."
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