München
Unrecht und seine Opfer niemals vergessen
Anatol Regnier liest zu 22. Weidener Literaturtagen aus seinem Roman "Damals in Bolechow"
Der Konzertgitarrist, Chansonier und Buchautor Anatol Regnier wurde 1945 in St. Heinrich am Starnberger See geboren, als Sohn des Schauspielerehepaars Pamela Wedekind und Charles Regnier. Nach langjähriger Dozententätigkeit an den Konservatorien München und Braunschweig lebte Anatol Regnier zuerst in Israel, später für zehn Jahre in Australien. Mitte der 90er Jahre kehrte er nach Deutschland zurück. 1997 veröffentlichte Regnier "Damals in Bolechow", ein Buch über das Schicksal galizischer Juden in der heutigen Ukraine.Kennen lernen kann man Anatol Regnier bei seiner Lesung am 28. April (19.30 Uhr) im Saal der Regionalbibliothek. Die Veranstaltung ist der Beitrag der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit zu den 22. Weidener Literaturtagen.
Herr Regnier, Ihre Fülle an Talenten ist sicher Ihrer großen und künstlerisch vielseitigen Familie zu danken.
Regnier: Ja, wahrscheinlich ...
Was bedeutet Ihnen Heimat: der Starnberger See, die Gitarre - oder der Schreibtisch?
Regnier: Heimat ist für mich der Starnberger See und Europa. Aber weil ich so viel in der Welt herumgekommen bin, kann ich auch Menschen gut verstehen, die ihre Heimat verloren haben, ständig an diese denken und nicht mehr von ihr loskommen - so wie viele meiner Freunde aus dem Ort Bolechow.
Sie lesen in Weiden aus "Damals in Bolechow". Es geht um das Schicksal der vom Nationalsozialismus bedrohten jüdischen Familie Grün-
schlag. Wie haben Sie die Grünschlags kennen gelernt?
Regnier: Zufällig in Australien, nach einem Konzert mit meiner damaligen Frau, der israelischen Sängerin Nehama Hendel. Einer der Grünschlags kam auf sie zu und fragte, ob ihre Familie nicht etwa aus Bolechow stamme, es habe damals so viele Hendels dort gegeben. Und genauso war es: Der Vater meiner Frau stammte auch aus Bolechow.
Was hat Sie, den Gitarristen, dann aber dazu bewogen, sich intensiv dieser Geschichte der Grünschlags zu widmen, die sich in einem Erdloch im Wald versteckten und überlebten?
Regnier: Das war meine innere Stimme. Die sagte zu mir spontan: "Das musst du unbedingt machen, sonst begehst du einen Lebensfehler!" Ich habe mich dann ganz darauf konzentriert: Für Bolechow stellte ich meine Konzertgitarre in die Ecke und setzte mich an den Schreibtisch. Seit Bolechow widme ich mich ganz der Literatur und konzertiere nicht mehr.
Wie ist Ihnen die greifbar lebendige Schilderung der Vernichtung Bolechows gelungen. Haben Sie den Ort besucht?
Regnier: Ja, wir waren dort, ein Jahr vor Erscheinen des Buchs - gemeinsam mit den Grünschlags. Das Schlimme war, dass außer ein paar wenigen alten Leuten niemand etwas von der Ortsgeschichte wusste. Daran sind die großen Umsiedlungen unter Stalin schuld ... die neuen Bewohner aus dem Osten wissen nichts vom Schicksal des Ortes. Und das ist doch das Schlimmste: wenn großes Unrecht und Unheil geschieht, von Menschen an ihren Mitmenschen - und niemand davon überhaupt Kenntnis nimmt.
Was sagt uns Bolechow heute?
Regnier: Auch heutzutage gibt es in vielen Gegenden der Welt Hunderttausende von namenlosen Opfern, etwa in Afrika ... und niemand kümmert sich ...
Ihr Vater Charles Regnier war ein großer Schauspieler. Wie hat er Ihr Leben geprägt?
Regnier: Mein Vater war ein sehr großzügiger und fürsorgender Vater. Wir hatten ein sehr gutes Verhältnis. Von meiner Mutter, der Schauspielerin Pamela Wedekind, habe ich bestimmt das Sprachgefühl geerbt. Es wurde Zeit, dass dieser Aspekt der Sprache nun in den Vordergrund meines Lebens gerückt wurde.
Sie haben nach Bolechow im Jahr 2003 noch ein Buch veröffentlicht: "Du auf deinem höchsten Dach", die Biographie Ihrer Großmutter Tilly Wedekind. Arbeiten Sie schon wieder an einem neuen Buch?
Regnier: Ja, jetzt schreibe ich an der Biographie meines Großvaters Frank Wedekind. Sie wird im Herbst 2007 erscheinen.
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