Schwandorf
Erde wird zu Kunst
Osteuropäische Keramik im Oberpfälzer Künstlerhaus
Der Titel könnte schlichter kaum sein. Erst im Nachsatz erschließt sich, was Besucher ab Sonntag im Oberpfälzer Künstlerhaus erwartet: "Osteuropäische Keramik - geformte Erde". Diese Ausstellung mit rund 100 Arbeiten sprengt bisherige begriffliche Welten, wenn sie Keramik mit mehr oder minder gehobenem Geschirr, Vasen, Gefäßen, Wand- oder Bodenbelägen gleich gesetzt haben.Diese Werke von knapp 30 Künstlern aus Polen, Slowakischen Republik, Tschechien und Ungarn müssen aus bildhauerischen Blickwinkeln betrachtet, erfasst, verstanden werden. Erst dann wird klar, dass "geformte Erde" viel, viel mehr als bloßes Modellieren ist, dass hier archaische Materie im originärstem Sinn variabelster Kulturtechniken bearbeitet, zu Kunst wird.
Hawe Knyrim spricht von dem "unendlichen Material", dem er seit nunmehr 13 Jahren zusammen mit seiner Ehefrau Brigitte in Osteuropa hinterher ist und Objektwelten aufgespürt hat, die mit dem hier gängigen Begriffen von Keramik nur sehr wenig zu tun haben. Da wird es zur lapidaren, schizoiden Randnotiz, dass aus genau diesem Umstand heraus osteuropäische Keramik es in die Höhen internationaler Museen geschafft hat.
Denn auch die Zensur eines sozialistischen Realismus setzte naiverweise keramisches Schaffen eher mit Kunsthandwerk gleich und lenkte deshalb ihr feindsinniges Augenmerk auf ganz andere Genres. Nicht zuletzt deshalb konnte sich eine Subkultur entwickeln, die das hervor gebracht hat, was Brigitte und Hawe Knyrim als Betreiber der Regensburger Ostwestgalerie nun in Zusammenarbeit mit dem Oberpfälzer Künstlerhaus in der Fronberger Kebbel-Villa präsentieren können.
Ihre angestammten räumlichen Kapazitäten hätte diese umfassende Schau bei Weitem gesprengt. Immerhin hat das Galeristen-Paar auf mehr als 12 000 Kilometern durch vier osteuropäische Nachbarländer um die 100 Arbeiten unterschiedlichster Figurationen, Dimensionen und stilistischer Ansätze von knapp 30 Kunstschaffenden zusammengetragen.
Ansätze des bildhauerischen Realismus finden sich ebenso wie die Gegenstandslosigkeit des Experimentierens mit Form und Material oder das Ästhetisieren bloßer Objektkunst. Eines haben die äußerst unterschiedlichen Arbeiten aber gemeinsam. Ihre jeweilige Oberfläche wird in all ihren Variationsmöglichkeiten keramischen Schaffens zu einem zentralen Ausdrucksmittel sinnlicher Erfahrbarkeit, Wahrnehmung: geschliffene Kälte neben spröder Erosion, erdige Krumenhaftigkeit neben gegossener Glätte.
Die Sonderausstellung "Osteuropäische Keramik - geformte Erde" wird in der Kebbel-Villa am Sonntag um 11 Uhr mit einer Vernissage eröffnet und läuft danach bis 18. Dezember zu den üblichen Öffnungszeiten des Oberpfälzer Künstlerhaues mittwochs und donnerstags von 12 bis 18 Uhr sowie sonntags zwischen 11 und 16 Uhr. Darüber hinaus nach telefonischer Vereinbarung unter der Rufnummer 09431/9716.
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