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Von Bruno Neumann  |  26.10.2005  | Netzcode: 10785244  |  374 Mal gelesen.
Nürnberg

Spiel um manipuliertes Leben

Aufführung von Neil Labutes "Das Maß der Dinge" in den Nürnberger Kammerspielen

Nach der Sommerpause geht es in den Kammerspielen des Staatstheaters in eine neue Runde. Mit dem konsequent inszenierten wie brillant gespielten Stück "Das Maß der Dinge" des Anfangs der 60er Jahre geborenen amerikanischen Autors Neil Labute setzt Regisseurin Tina Geißinger ein anspruchsvolles Zeichen für das Nürnberger Sprechtheater.

In der intimen Atmosphäre der Kammerspiele kommen die Sentenzen der intellektuell gebauten Dialoge hautnah vor das Publikum. Neil Labutes Thema für sein Stück lautet: Wie weit lässt sich ein Mensch manipulieren.

Natürlich spielen Liebe und Sex eine Rolle dabei, wenn sich ein junger Mann (Adam, gespielt von Constantin Lücke) von einer ideenbesessenen, attraktiven Künstlerin (Evelyn, gespielt von Susanne Bormann) faszinieren lässt. Die ehrgeizige Kunstphilosophin, deren Ziel es ist aus einem ihr hörigen Twen ein "Kunstobjekt" zu kreieren, überschreitet dabei (seelische) Leichen.

Dies beginnt harmlos, indem sie ihr Opfer anleitet, andere Klamotten zu tragen, die Fingernägel nicht mehr abzukauen oder eine Nasenkorrektur bei einem Chirurgen vornehmen zu lassen. In einer Vernissage stellt Evelyn das von ihr "modellierte" Kunstwerk aus Fleisch und Blut vor. Adam folgt ihr begeistert bis kurz vor die Hochzeit und erkennt erst am Schluss Evelyns Machenschaften.

In dieser Stunde der Wahrheit wandelt er sich zu jenem Typ, der sich in eigenem Charakter selbst treu werden kann... Tina Geißinger hat in dieser Reihenfolge von Veränderungen, die eigentlich Verletzungen waren, das Publikum zu Zeugen berufen; Faszinierend, heiter und erschütternd.

Constantin Lücke entwickelt sich als Adam von einem gutmütigen und schüchternen jungen Mann zu einem modebewussten Individuum. Ihm gelingt dies so überzeugend, dass man am Ende atemlos wird. Die Kälte und Überlegenheit seiner "Neuschöpferin" Evelyn fröstelt durch Susanne Bormann, deren konstruierter Charme in den knappen zwei Stunden Spieldauer penetrant verletzend wahrgenommen wird.

Die Frage, wie lange lässt er sich das noch bieten, wird erst im Finale gelöst. Als Pendant zu Adam und Evelyn agieren Freunde des Paares, das durch die Manipulationen Evelyns in Brüche geht. Gina Henkel und Marco Steeger stehen anderseits für emotionsgeladene und tragische Szenen, die sich in der Begegnung mit den Freunden ergeben.

Die Regisseurin vollbrachte das Kunststück, diese nur vordergründig witzige Geschichte so akribisch für die Zuschauer einzufädeln, dass man am Schicksal des traurigen Helden Adam Anteil nimmt. Für dieses Psychodrama schuf Frank Albert Bühnenwände aus weißem Schleiflack, die so intelligent funktionieren, dass Staffagen heraus und wieder eingeschoben werden können. Auch die Lichtregie (Egbert Rath und Wolfgang Köper) hatte effektive Wirkungen.

Die Überschreitung der avisierten Spieldauer um eine knappe halbe Stunde war ob des Ergebnisses zu verzeihen.


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