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Von (apz)  |  21.10.2005  | Netzcode: 10783483  |  1274 Mal gelesen.
Wöllershof

Zappelphilipp oder Träumerlein

Wöllershof: Über 300 Experten diskutieren ADHS-Syndrom und suchen medizinische Lösungen

Wöllershof. (apz) Mozart, Einstein und Oskar Schindler hatten es. Und auch der erfolgreiche Geschäftsmann Bill Gates leidet ebenso wie viele andere Workaholics und Managertypen, die drei Schachteln Zigaretten pro Tag verqualmen, unter der Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätsstörung ADHS. Die Krankheit tritt nicht nur bei Kindern vom Typ "Zappelphilipp" auf, sondern auch bei Erwachsenen.

Antworten auf die vielen mit ADHS verbundenen Fragen suchte am Mittwoch im Festsaal des Bezirkskrankenhauses Wöllershof eine Fachtagung, die von Hans Kiefl, dem Leitenden Oberarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie Weiden, und dem Ärztlichen Direktor Dr. Heribert Fleischmann initiiert worden war. Referenten waren Dr. Rainer Laufkötter vom Bezirksklinikum Regensburg und aus Ottobrunn die niedergelassene Psychotherapeutin und Neurologin Dr. Johanna Krause, seit 1995 deutschlandweit führende Expertin und Verfasserin des Standard-Lehrbuchs "ADHS im Erwachsenenalter".

Kassen zahlen nicht



"Vor zehn Jahren hat sich noch keine verantwortliche Stelle für Erwachsene mit ADHS interessiert. Erst jetzt wird die Erkrankung ernster genommen", stellte Dr. Krause fest. Doch neben aller Ursachen-, Diagnose- und Therapieforschung ist das größte akute Problem für an ADHS erkrankte Erwachsene, dass die medikamentöse Behandlung mit Stimulanzien noch nicht zugelassen ist und daher die Krankenkassen die Kosten nicht übernehmen. So suchten und fanden die Teilnehmer der Tagung mit Hilfe Krauses alternative Behandlungsmethoden, die ebenfalls erfolgversprechend sind, so lange, bis die notwendigen klinischen Langzeitstudien abgeschlossen sein werden.

Wie brennend das Interesse an ADHS ist, mit den Symptomen der motorischen Unruhe, der Labilität, der Unfähigkeit, stabile persönliche Bindungen einzugehen oder das Zeitmanagement in den Griff zu bekommen, bewies das extrem große Interesse an der Fachtagung. Weit mehr als die 300 angemeldeten Teilnehmer aus dem Kreis niedergelassener Ärzte, Psychologen und Psychotherapeuten, Mitarbeiter des Bezirkskrankenhauses Wöllershof und anderer bayerischer Bezirkskrankenhäuser, von Betreuungsstellen und ergänzenden Einrichtungen, Vertreter aus der Jugendarbeit, von Selbsthilfegruppen und betroffene Erwachsene hatten im überfüllten Festsaal Platz genommen.

Bezirksrätin Petra Dettenhöfer kam eher aus persönlichem Interesse an dem hoch aktuellen Thema denn aus Repräsentationsgründen. Auch sie hatte bei dem Experiment zum einleitenden Vortrag Kiefls ("ADHS: Ein Kind wird erwachsen - und was dann?") mitgemacht: Mit einem "Das ist ja Wahnsinn!" quälte auch sie sich mit den übrigen Zuhörern mühsam, mit geschlossenen Augen und dem Stift in der linken Hand durch ein Diktat, das mit seinem Schriftbild dem eines ADHS-Kindes in der Grundschulzeit entsprach.

Das anschließende Gefühl der übergroßen Anstrengung und der massiven Enttäuschung über das kaum lesbare Ergebnis machte allen Anwesenden die Gefühlswelt eines ADHS-Kindes klar, das sich in Depression und Aggression geradezu flüchten muss.

Kreativ und spontan



Über die vielfältige Symptomatik (blaue Flecken, Zerstreutheit), die Komorbidität (Depression, Angst- und Zwangszustände) und Diagnostik von ADHS im Erwachsenenalter sprach Dr. Laufkötter, der sich seit 1998 gezielt mit dem Thema befasst. "Der typische ordentliche Beamte leidet garantiert nicht am ADHS-Syndrom", fasste der Fachmann prägnant zusammen und beleuchtete auch die positiven Eigenschaften eines erwachsenen ADHS-Kranken: grenzenlose Hilfsbereitschaft, Kreativität und Spontaneität.

Diskutiert, hinterfragt und vertieft werden konnten alle Inhalte anschließend in drei Workshops der Referenten. Überraschend dabei war, dass die beiden Spezialisten für ADHS bei Erwachsenen jeweils 50 Teilnehmer begrüßen konnten, der Kinder- und Jugendpsychologe Kiefl jedoch bei rund 100 Interessierten gefragt war.


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