Wurz
Mut zu Emotionalität und Expressivität
"Iturriaga Quartett" in Wurz: Höhepunkt der diesjährigen Konzertsaison
Höhepunkte werden nicht in der Theorie geboren, Höhepunkte erlebt man. Natürlich gab es in dieser Saison schon schöne Momente, natürlich werden diesem Abend noch schöne Momente folgen. Dennoch, zwei Wochen vor Saisonende darf der Auftritt des Iturriaga-Quartetts bei den Wurzer Sommerkonzerten getrost als Höhepunkt der diesjährigen Konzertsaison gesehen werden."Iturriaga" stammt aus dem Baskischen und bedeutet "Wasserquelle". Nomen non semper est omen. Statt Regen hatten die vier jungen Musiker doch tatsächlich Sonnenschein im Gepäck, der auch hin und wieder durch die Wolkendecke brach und den zahlreichen Besuchern das bescherte, was der Veranstaltungstitel seit Wochen vergeblich versprach, ein Sommerkonzert. Auf dem Programm: drei Streichquartette von Joseph Haydn, Mario Lavista und Johannes Brahms.
Ein kleines, aber anspruchsvolles Programm, mit dem Aitzol Iturriagagoitia (Violine), Iokine Iturriagagoitia (Violine), Miguel Angel Lucas (Viola) und Rebekka Riedel (Violoncello) - zusammen sind sie gerade mal um die hundert Jahre alt - trotz ihrer Jugend beachtliches Können und erstaunliche Reife bewiesen. Spätestens im Adagio-Satz von Haydns Streichquartett C-Dur op. 54, melancholisch Leidenschaftliches im Gestus von Zigeunermusik, kam zum Vorschein, was das Iturriaga-Quartett auszeichnet: Mut zu Emotionalität und Expressivität, mit einem Schuss Extravaganz. Denn das Auge hört mit. Wenn Iokine Iturriagagoitia melancholisch den Blick nach oben schweifen lässt, man den Bogen weit ausholend in vollkommener Synchronität ausschwingen lässt, dann sind das keine hohlen Gesten, sondern, auf der soliden Basis traumhaft sicheren Zusammenspiels serviert, Ausdruck musikalischen Selbstbewusstseins, das sich diese vier ehemaligen Studenten der Hochschule Leipzig durchaus leisten können. Dazu gehört, dass man sich auch Unbekanntem annimmt, wie den "Reflejos de la noche" des mexikanischen Komponisten Mario Lavista. Minimalistisch meditative Reflexionen über geheimnisvolle Geräusche der Nacht, mittels avantgardistischer Spieltechniken wirkungsvoll verfremdet, in die sich an diesem Wurzer Sommerabend nicht nur zartes Grillenzirpen, sondern auch deftiges Traktorknattern mischte.
Finale Steigerung nach der Pause, das Streichquartett c-Moll von Johannes Brahms. Eine von frischer, unverbrauchter Leidenschaft geprägte Wiedergabe, packend und spannungsgeladen, die das Hereinbrechen der Dunkelheit an diesem Spätsommerabend in düster melancholische Farben kleidete und für Momente traumhafter Selbstvergessenheit sorgte. Wenn denn ein Hauch von Kritik erlaubt sei: Den Abend mit einem Tango von Astor Piazolla zu beenden - das wäre stimmiger, atemberaubender und nicht zu übertreffender Höhepunkt gewesen. Dem noch einen Mozart-Satz hinterher zu schicken, war eher pflichtgemäßes, weniger prickelndes Nachspiel.
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