Oberpfalznetz.de > Nachrichten > Kultur > Eine Hölle, die besser ist als die Welt

Von Stefan Rimek  |  29.03.2004  | Netzcode: 10535996  |  332 Mal gelesen.
Regensburg

Eine Hölle, die besser ist als die Welt

Galnert-Oper "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung" in einer Neuinszenierung in Regensburg

Zum Artikel: Fritsch Juli 2010
Im März des Jahres 2000 brachte das Theater Regensburg Detlev Glanerts Oper "Joseph Süß" unter der Regie von Fritz Groß mit großem Erfolg zur Uraufführung. Jetzt wagte sich das Regie-Duo Francoise Terrone und Philippe Godefroid an die Glanert-Oper "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung". Das Regensburger Theater am Bismarckplatz war aber leider nur zur Hälfte gefüllt.

Zu Unrecht. Denn wie sich schnell herausstellte haben sowohl das Werk als auch die Inszenierung einiges zu bieten. Mit Einfallsreichtum, Witz und Sinn für eine auf das Detail achtende Affektgestaltung fand Glanert hier zu einer ausdrucksstarken Tonsprache, wofür er 2001 - also schon im Jahr der Uraufführung - den bayerischen Theaterpreis erhielt. Die stilistische Palette reicht von vitalistischer Motorik mit viel Schlagwerk über eine dissonante Leitmotivik bis hin zu Klangflächen, die man in die Nähe eines neoromantischen Ansatzes bringen kann.

In diesem humoristischen Spektakel, dessen Libretto Jörg W. Gronius frei nach der Komödie des deutschen Schriftstellers Christian Dietrich Grabbe (1801 bis 1836) schuf, kommt der Teufel auf die Erde, um Intrigen zu spinnen. Als er aber in dieser durch und durch verdorbenen Welt selbst in eine Falle tappt, wird er von seiner Großmutter fürsorglich abgeholt und zurück in die vertraute Hölle gebracht.

Das Regie-Team, das auch das Bühnenbild, die Kostüme und das Licht übernahm, kreierte hier ein buntes Treiben, welches das humoristische Potenzial des Werks beeindruckend und packend umzusetzen weiß. So zerbrechen sich die mit einem Schlüssel im Rücken wie aufgezogene Spielzeugfiguren agierenden vier Naturhistoriker über die Identität des Teufels im wahrsten Sinne des Wortes ihre immer mehr angeschwollenen Köpfe, so präsentiert sich das vom Schulmeister brutal zum vermeintlichen "Nationalgenie" erzogene Gottliebchen als bockiger Struwwelpeter mit wilder Mähne und ebenso langen Stahlfingernägeln wie der Teufel selbst, dessen zweigeschlechtliches Wesen hier nicht nur durch die vom Komponisten zugedachte, teils elektronisch verfremdete Countertenor-Stimme, sondern auch durch ein verführerisches, travestie-ähnliches Äußeres aus schwarzem Leder und Netzstrumpf-Erotik umgesetzt wird.

Des Teufels Großmutter taucht mittels Hebebühne mit komplettem Biedermeier-Wohnzimmer aus der Tiefe des Theaters auf, und Mollfells zieht seine ihn begleitenden Gendarmen auf einem Rollwägelchen hinter sich her.

Den Bühnenakteuren muss man für diesen Abend geschlossen großes Lob aussprechen. Frank Valentin im Countertenorpart als Teufel, Jóhann Smári Saevarsson als Baron, Elvira Soukop als Liddy, Michael Doumas als Freiherr von Mordax, Jin-Ho Yoo als Herr von Wernthal, Markus Georg Herzog als Dichter Rattengift sowie all die anderen trugen schauspielerisch wie gesanglich zur gelungenen Premiere bei. Beeindrucken war auch die Leistung des Orchesters unter der Leitung von Guido Johannes Rumstadt. Der Applaus war zurecht intensiv und anhaltend.




Heute

Amberg

Asche auf die Hauptverkehrsader

Ausstellung "FinnAir - oder: Wer wird denn gleich in die Luft gehen?" des Trios "FinnFemFel" im Luftmuseum

Das Unwort des Jahres 2010 in der Kategorie "Schnittmenge aus Systemrelevanz und Unaussprechlichkeit"? Wahrscheinlich Eyjafjallajökull! Dieses Buchstabenmonster bezeichnet das aschespeiende mehr...

Bayreuth

Hakenkreuzfahnen und ein Gral in Barbie-Pink

"Parsifal" bei Bayreuther Festspielen vom Publikum umjubelt - Entspannte Atmosphäre wie auf einer Butterfahrt

Eigentlich wird nach Richard Wagners Bühnenweihfestspiel "Parsifal" mit seinem Karfreitagszauber nicht geklatscht. Doch das Premierenpublikum am Donnerstag kannte - neben einigen anderen - diese mehr...

Weiden

Veteranen der Rockmusik lassen die Planen wackeln

"Asia" in Weiden: John Wetton, Steve Howe, Carl Palmer und Geoff Downes zeigen handwerkliche Perfektion beim "Zelt"-Festival

Oh, ihr Veteranen des Musikgeschäfts, ihr Ritter des Rock! Seit mehr als 40 Jahren seid ihr unterwegs in aller Herren Länder, in verschiedenen Formationen ("Yes", "King Crimson", "U.K.", "Emerson, mehr...
Gestern

Eschenbach

Ein Mord mit Vergangenheit

Raimund A. Mader stellt Roman "Schindlerjüdin" vor

KZ-Kommandant Amon Göth, Judenretter Oskar Schindler und ein fiktives "rechtes" Regensburg der Gegenwart - das sind einige Zutaten für den neuen Kriminalroman "Schindlerjüdin" von Raimund A. Mader. mehr...

New York

Mit festem Willen und noch mehr Talent

Politischer Hollywoodstar: Der Schauspieler Martin Sheen wird am 3. August 70 Jahre alt

Wenn man den etwas komplizierten Namen Ramón Antonio Gerard Estévez trägt. Wenn man aus der Provinz kommt und sich die ohnehin schon einfachen Verhältnisse mit neun Geschwistern teilen muss. Dann mehr...

Weiden

Rauschende Geburtstagsparty im Fest-"Zelt"

"Papa Roach"-Sänger feiert mit 1200 Fans - Zum Auftakt des Weidener "Zelt"-Festivals gleich die volle Härte

Selbst an einem besonderen Tag erweisen sich die sonst so wilden Rockstars als angenehme Gäste in dieser schönen Stadt. Den vier von "Papa Roach" könnte man schon die eine oder andere Orgie zutrauen mehr...

Bayreuth

Zwischen Pflicht und Neigung hin und her gerissen

Hektische und erschütternde "Walküre": Der erste Tag des Bühnenweihfestspiels "Der Ring des Nibelungen"

Was hat eine Walküre mit dem "Ring des Nibelungen" zu tun? Walküren bringen im Kampf gefallene Helden nach Walhall zu Wotan, ihrem Vater - im Bett Gestorbene kommen in die Unterwelt, nach Hel. Sie mehr...

Rom

"Drei" für Deutschland

Tom Tykwer geht ins Rennen um den Löwen von Venedig

Der Regisseur Tom Tykwer kämpft dieses Jahr für Deutschland im Wettbewerb der 67. Filmbiennale von Venedig um den Goldenen Löwen. Tykwer ("The International") tritt beim Festival vom 1. bis zum 11. mehr...