Von Peter Geiger |
09.02.2012
| Netzcode: 3133680 | 226 Mal gelesen.
Amberg
Ein Denkmal für die Hauptsätze
Lesung mit dem Autor und SZ-Journalisten Max Scharnigg am 10. Februar im Amberger Luftmuseum
Wenn man über Max Scharnigg recherchiert, stellt man zunächst wenig Auffälliges fest: Im Hauptberuf ist der 31-jährige Münchener Journalist bei der "Süddeutschen Zeitung", und im Nebenberuf schreibt er Bücher. Schürft man tiefer, so zeichnen sich aber die Konturen eines außergewöhnlichen, vielleicht sogar etwas wunderlichen Menschen ab: Sein erstes Buch hat er über Hotels geschrieben, weil er "passionierter Hotelgast" ist.
Dann hat er mit "Das habe ich jetzt akustisch nicht verstanden" einen originellen und rasant witzigen Reader über die 100 wichtigsten (und deshalb: nicht mehr sagbaren) Sätze seiner Generation vorgelegt.
Und bei der Lesung aus seinem Romandebüt "Die Besteigung der Eigernordwand" beim Bachmann-Wettbewerb 2011 in Klagenfurt bezeichnete ein Jurymitglied seinen Beitrag als "Paprikahendl"! Obendrein wurde er kürzlich mit dem Bayerischen Kunstförderpreis sowie mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet. Die Kulturredaktion führte mit ihm dieses Interview.
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Ein Denkmal für die Hauptsätze
Lesung mit dem Autor und SZ-Journalisten Max Scharnigg am 10. Februar im Amberger Luftmuseum
Sie sind ja Spezialist für Formulierungen, die so abgenudelt sind, dass man sie eigentlich gar nicht mehr benutzen darf. Haben Sie einen Tipp für uns: Welche Journalisten-Einstiegsfrage ist absolut verboten?
Max Scharnigg: Viel zu oft gehört ist natürlich: Wie sind Sie überhaupt auf die Idee zu XY gekommen? Danach kommt dann gleich die Frage nach dem Autobiografischen, als ob das irgendwas verändern würde, wenn ich sage: Das Buch ist zu genau 34 Prozent autobiografisch. Was auch seltsam ist: Damit anzufangen, man habe zwar das Buch nicht gelesen, aber ...
Okay, ich hätte zu bieten: Welcher Beruf steht in Ihrer Steuererklärung? Journalist oder Schriftsteller?
Scharnigg: Es steht sicher Journalist in meiner Steuererklärung, weil das ja der Beruf ist, mit dem ich vor allem mein Geld verdiene. Später wünsche ich mir, da sollte vielleicht mal "Publizist" stehen: Das ist eine schöne Berufsbezeichnung, um in die Annalen einzugehen.
Wann hat das bei Ihnen angefangen: Sprache so präzise zu beobachten?
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Ein Denkmal für die Hauptsätze
Lesung mit dem Autor und SZ-Journalisten Max Scharnigg am 10. Februar im Amberger Luftmuseum
Scharnigg: Das ist eigentlich eine Begleiterscheinung des journalistischen Daseins. Man wird ja schon während der Ausbildung darauf trainiert, Floskeln und andere sprachliche Konfektionsware zu vermeiden. Daher kommen dann auch eine gewisse Grundsorgfalt und das Aufmerksamwerden auf Sätze, die es in unserer Alltagssprache ganz oft gibt. Ich will diese Häufung auch gar nicht kritisieren - ich will diese Lieblingssätze der Menschen sammeln und würdigen.
Auf die Idee bin ich gekommen, weil ich bei jeder Heimfahrt mit der S-Bahn den Satz: "Ich sitze ja eh den ganzen Tag!" höre. Wenn etwas so populär ist, muss man ihm vielleicht mal ein kleines Denkmal errichten, dachte ich und das versuche ich mit dieser Kolumne. Bis jetzt sind darin schon 130 solcher Hauptsätze besprochen.
In Ihrem Roman erzählen Sie die Geschichte eines Mannes, der vor dem Leben flieht, indem er sich unter einer Treppe zurückzieht. Warum das denn?
Scharnigg: Was der macht, dieser Protagonist, das ist eigentlich etwas ziemlich Menschliches: Nach einem Schockerlebnis zieht er sich zurück in eine Art Höhle und versucht in Ruhe Ordnung in sein Betroffensein und die ganze Situation zu bringen. Ich halte das für nachvollziehbar, ja, ich ertappe mich selbst auch dabei, dass mir oft erst nach einer gewissen Zeit die passende Reaktion oder die beste Antwort auf irgendeine Situation einfällt.
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Die Sache mit dem Paprikahendl müssen Sie uns noch erklären!
Scharnigg: Naja, das Paprikahendl, das spielt zum einen eine Rolle in meinem Roman, eine der Figuren isst nämlich nichts anderes als Paprikahendl. Paul Jandl glaub' ich war's, der hat in Klagenfurt gesagt, es sei wohl das einzige Paprikahendl überhaupt, das in der Literatur vorkäme. Mir gefällt das Wort einfach gut.
Wie viele andere Ausdrücke in der Sprache, die ich bei diesem Roman benützt habe, ist es ein sehr sinnlicher Begriff, ein Wort, das man auch auf der Zunge fühlen kann, das Wärme verbreitet. Ganz anders als etwa die "Eiger-Nordwand", die schon im Wort das Ausgesetzte und das Eisige transportiert. Paprikahendl, das klingt einfach rund und gemütlich.
___
Die Lesung mit Max Scharnigg am 10. Februar im Amberger Luftmuseum beginnt um 19.30 Uhr. Karten gibt es an der Abendkasse. Im Anschluss wird das Stimmungsduo "The Manuals" - Gerhard Wilhelm, Hermann Schmidt (Harmonium) und Bettina Schönenberg (Vortragskünstlerin) - verschiedene Bedienungsanleitungen von Blasgeräten musikalisch-szenisch zum Vortrag bringen.
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