Weiden
Vom tieferen Ernst nervender Lümmelfilme
Gelungene "Theo Lingen"-Musikkomödie mit Ilja Richter - Fünf Vorhänge in der Max-Reger-Halle
Brot fürs Spielen
Ein Musical-Autor (Arrangeur und Pianist: Daniel Große Boymann) soll über Nacht eine Show über den UFA-Star schreiben und verzweifelt. Denn es geht hier nicht um einen extrovertierten, getriebenen Mimen, vielmehr um jemanden, der das Schauspiel als rein technische, akribische Angelegenheit ansieht. Um einen gewissen Franz Theodor Schmitz, der sein Privatleben hinter der Kunstfigur "Theo Lingen" verbirgt. Kurz: Ein dramaturgischer Alptraum und kaum Stoff für eine abendfüllende Künstlerbiographie. Wäre da nicht der besondere unterkühlte Charme und Humor, der Jahrzehnt um Jahrzehnt schadlos übersteht.
Plötzlich sitzt Lingen (Ilja Richter) mit preußisch-reservierter Sitzhaltung und leicht tadelndem Blick da und beginnt, aus seinem Leben zu erzählen. Von der "Bauchentscheidung" Schauspieler zu werden (während der Inflation der 20er Jahre wurde die Gage in Lebensmitteln ausbezahlt) über Operetten-Irrungen eines ernsthaften Mimen bis hin zur NS-Zeit. Die intelligente, kurzweilige Inszenierung in der Max-Reger-Halle auf Einladung des Landestheaters Oberpfalz wird zur fließenden Traumsequenz, in der die Episoden mit der Rahmenhandlung und stimmigen Liedern verschmelzen.
Beide in der Schublade
Dabei spielen sich der glänzende Ilja Richter und sein vielschichtiger Gegenpart Gideon Rapp präzise die Bälle zu und wechseln ihre Rollen munter. Durch die bedächtige Ruhe, die Richter als älterer Lingen ausstrahlt, bleibt das hohe Tempo der Bearbeitung fast unbemerkt. Der Entertainer legt in die Rolle seines Lebens viel trockenen Humor, biedere Würde, einen Schuss Fatalismus, aber zugleich auch sehr viel von sich. Denn der als "Disco"-Moderator und durch die unsäglichen Lümmel- und Paukerfilme der 60/70er Jahre bekannt gewordene Entertainer kennt sich mit Schubladendenken aus.
Rapp dagegen als jüngeres Lingen-Ich mit köstlich authentischer Gestik reißt die Augen auf und reckt den Hals, als hätte er einige zusätzliche Nackenwirbel. Im nächsten Moment ist er Intendant Gustaf Gründgens, ein blasierter Nazi-Scherge oder für wenige, witzige Sekunden sogar der junge Ilja Richter. Katherina Lange (stark als Lingens Frau, Bert Brecht und "das innere Kind") ergänzt die Szenen stimmig.Tilmann von Blomberg gelingt damit eine zutiefst sympathische und humorvolle Erzählung, die dem Meister des Understatements selbst gefallen hätte. Denn das Stück ist weder ein Kniefall vor Lingen noch beantwortet es die Frage nach seinen Motiven abschließend. Dies ist aber auch nicht nötig.
Auch wenn der "Komiker aus Versehen" das Schauspieler-Dasein noch so entmythisiert: Das Lachen der Zuschauer ist Opium für ihn. Dem Publikum, das nun mal "an einmal gefühlten Umrissen festhält" dient er, indem er unzählige Male die gleichen Rollen verkörpert. Szenen aus jenen Klamotten - in denen Richter seinen ehemaligen Filmpartner bereits treffend parodierte - bleiben den Zuschauern erspart. Sie wären auch deplatziert, denn die "Limonadenfilme", wie Lingen sie nannte, bedeuteten ihm wenig.
Quasi eine Blaupause für viele heutige Schauspieler, wechselt Lingen zwischen gut bezahlten Publikumsfilmen und auf Wirkung bedachtem Theater hin und her. "Die Kunst ist ein Kind, das sich nicht ums Publikum schert. Das Publikum bezahlt und die Künstler - die stehen dazwischen", sagt Lingen. Der Kampf mit diesem, seinen inneren Kind - dem kleinen Theo mit der Drehorgel - begleitet ihn und gehört zu den anrührenden Momenten des Abends.
Die Seele bleibt tabu
Die nur 350 Zuschauer belohnen die außergewöhnliche Aufführung mit viel Beifall und fünf Vorhängen. Hat sie doch eine Idee vom Menschen Theo Lingen vermittelt. Der Schauspieler bleibt dagegen schwer zu greifen. Wie Lingen es wollte: "Meine Seele offenbaren? So tief will ich nicht steigen."
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