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Von Tobias Schwarzmeier  |  23.01.2012  | Netzcode: 3113791  |  933 Mal gelesen.
Weiden

Befreiungsschlag eines Schizo-Parodisten

"Nicht mit mir": großartiger Kabarettabend mit Helmut Schleich in Weiden - Zuschauer lachen Tränen

Den Wutbürger kehrt Helmut Schleich in seinem
Den Wutbürger kehrt Helmut Schleich in seinem Programm "Nicht mit mir" eher selten heraus. Der Münchener Kabarettist setzte beim - mit viel Beifall bedachten - Auftritt im Gustav-von-Schlör-Saal der Max-Reger-Halle ganz auf die eigene Komik der parodierten Promis. Bild: Tobias Schwarzmeier
Das war dann wohl der eine oder andere Auftritt zu viel. Helmut Schleich ist fertig, am Ende. Eigentlich sollte es traurig sein, wenn ein Kabarettist im reiferen Alter seine Charaktere nicht mehr bei sich halten kann. Doch die feindliche Übernahme von Schleichs Körper durch seine Bühnenfiguren ist einfach nur brüllend komisch.

Parodistisches Talent



Der Münchener legt in seinem neuen Soloprogramm "Nicht mit mir" mehr noch als früher die Betonung auf sein parodistisches Ausnahmetalent. Auf die Rolle des reinen Moderators seiner Persönlichkeitsspaltung reduziert, lässt er Politiker, Päpste und andere, auch dubiose Charaktere direkt und ungefiltert aufeinander los. Ein eleganter Kniff, durch den kein Satirehieb fehlgeht. In Jekyll/Hyde-Manier brechen Promis und liebgewonnene Kunstfiguren nur so aus ihm heraus - allen voran "Er".

Ein Schnauben, ein verschlagenes Grinsen, schnell die Schultern hochgezogen, und schon übernimmt Franz Josef Strauß das Geschehen. Wenn Schleichs Paraderolle seinen politischen Enkeln wie Guttenberg ("früher haben Adelige Unis gegründet, nicht beschissen") oder Wulff ("er hat alles falsch gemacht, ich hätte das Geld geschenkt bekommen") das letzte bisschen Substanz von den Knochen schneidet, seziert er gleichzeitig die politische Landschaft an sich. Wie keinem anderen gelingt es dem selbst ernannten Wutbürger, Fehlentwicklungen "nebenbei" zu karikieren, während er sich ganz auf seine markanten Figuren konzentriert. Ähnlich wie sein liebenswertestes Alter Ego, Maler Bob Ross, setzt der Meister der ironischen Nadelstiche "tiny little strokes", nimmt aber auch gerne mal den ganz groben Pinsel dafür her. Besonders das Geplänkel zwischen dem polternden "Provinz-Potentaten" FJS und dem altväterlich-beleidigenden Ratzinger ist schlichtweg genial.

Jopis Gesangslehrer



Dazu gesellen sich hallende End- und Sinnlossätze eines Ex-Pontifex, ein Altkanzler, dem 15 Sekunden bis zum Untergang noch für mehrere Zigaretten reichen, oder der schwadronierende Gesangslehrer des "früh verblichenen" Jopi Heesters.

Publikum prustet los



Mimisch köstlich beweist Schleich ein feines Timing im Zusammenspiel der Charaktere und mit den Zuschauern, die sich kaum noch einkriegen. Es reicht aus, unvermittelt zu erstarren und einen entrückten Ausdruck aufzusetzen, und schon prustet das Publikum in der Max-Reger-Halle los. Denn noch vor dem ersten Wort haben sie Ottfried Fischer erkannt.

Skurrile Ideen wie Kampfjet-Einsätze während des "Mappus-Regimes", ein Volksmusik-Terror-Stammtisch mit dem "Baader-Anderl und der Stammheimer Stub'n-Musi", 60 000 dauerschwafelnde Teilnehmer beim Eremitenkongress oder ein Psycho-Doc mit Schlagerfloskeln begeistern. Nur der digitale "Opinion-Scout", der von der Last befreit, sich selbst eine Meinung bilden zu müssen, ist an diesem Abend überflüssig. Denn jeder bekommt etwas zum "Hinhirnen" mit auf den Weg.

Als am Ende Schleich in einer aberwitzigen Endlosdebatte seiner Geister ganz zu verschwinden droht, drängt er sie in einer Verzweiflungsaktion aus dem Kopf. Offen bleibt, ob er sich nun ganz von seinen Peinigern befreit hat. Hoffentlich nicht, wir würden sie vermissen.

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