Oberpfalznetz.de > Nachrichten > Kultur > Vergammelte Wirtshaussemmel bekommt neues Verfallsdatum

Von Tobias Schwarzmeier  |  07.11.2011  | Netzcode: 3029161  |  901 Mal gelesen.
Weiden

Vergammelte Wirtshaussemmel bekommt neues Verfallsdatum

Landestheater startet mit Christian Hofmanns urkomischer Szenenrevue "Valentin & Karlstadt - Ernst gemeint" in die Winterspielzeit

So wird es nichts mehr mit dem "Theaterbesuch":
So wird es nichts mehr mit dem "Theaterbesuch": Nun hält auch noch die Nachbarin (Waltraud Janner-Stahl) das erst halb fertig angezogene Ehepaar (Martina Meier, Christian Hofmann, von links) auf. Bild: Tobias Schwarzmeier
Humor nützt sich mit den Jahren ab. Das ist Tatsache. Besonders gefährdet sind die Spielarten, die fest in ihrem zeitlichen und kulturellen Kontext verwurzelt sind. Selbst Karl Valentins "unsterbliche" Sketche sind in Gefahr, ihr Verfallsdatum langsam zu überschreiten. Doch Christian Hofmann zeigt in einer gelungenen Szenenrevue, warum das Münchener Original und Partnerin Liesl Karlstadt nach wie vor "in" sind.

Zugegeben, so einige der an die 400 Sketche des Kabarettduos locken heute beim Publikum nur ein müdes Lächeln hervor, weil vielfach die inhaltlichen Bezüge zu den frühen Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts fehlen. Auch der - auf den ersten Blick - oft sehr einfach gestaltete Witz zündet heute nicht immer.

Hofmann begeht dennoch nicht den Fehler, Valentins Humor mit Gegenwarts-Anspielungen modernisieren zu wollen. Bei seinem gleichzeitigen Regiedebüt, das die Winterspielzeit des Landestheaters Oberpfalz (LTO) einläutet, lässt der Hauptdarsteller das dürre Komikergespenst in schlotternden Klamotten und abstrus langen Schuhen in einer intensiven, bis ins Detail originalgetreuen Darstellung in aller Authentizität aufleben. Mal sprachakrobatisch, mal brutal derb, mal slapstickhaft gelingt dem LTO-Charakterdarsteller schlechthin eine zeitgemäße, stimmige Reminiszenz an den "Wortzerklauberer" rein durch seine Bühnenpräsenz und die bewusste Auswahl zeitloser Stücke aus dem Fundus des Komikerduos.

58 Bilder
Titel Titel Titel Titel
Bilder: Tobias Schwarzmeier


Denn kleinbürgerliches Ehegeplänkel wie im großartigen "Theaterbesuch", das sprichwörtliche Von-Hinz-zu-Kunz-geschickt-Werden des armen "Buchbinder Wanninger" oder die fein verpackte Kritik am Theaterbetrieb ("Zwangsvorstellungen") können die meisten Premierengäste in der Regionalbibliothek ohne Weiteres nachvollziehen. Maria Ahke ergänzt als Conférencier zudem hilfreiche Hintergrundgeschichten.

Heimspiel für Hofmann



Quasi in seinem Wohnzimmer - im Lesesaal der Bibliothek brillierte Hofmann bereits als Henker Reichhart und Cherubim-Holzknecht Wenzel - vertieft sich der Mime zur Gänze in den Charakter des Exzentrikers Valentin. Egal in welcher noch so verändernden Maske (besonders komisch: das Sammelsurium an skurrilen Nasen), schimmert immer das Valentinhafte durch. Dies gelingt selbst bei so abstrakten Solo-Figuren wie der goldgelockten Loreley (ein Brüller!) oder einer klagenden, weil nicht mehr taufrischen Wirtshaussemmel.

Doch es sind die Szenen zu zweit, die den meisten Beifall ernten. Die überzeugende Martina Meier bewältigt dabei als Partnerin - wie ehedem Karlstadt - die schwierige Aufgabe, in der One-Man-Show eines so dominierenden Gegenparts nicht unterzugehen. Als ausgelassener "Firmling" oder genervte Ehefrau, die die schrulligen Eigenheiten ihre Mannes erträgt, trifft Meier in den oft fast rhythmischen Dialogen traumhaft sicher stets den richtigen Ton.

Vollends musikalisch setzt das selten aufgeführte Ohrwurm-Couplet "Kare, Kare rauch' doch nicht diese Zigarre" (mit musikalischer Begleitung von Johannes Gruber, Waltraud Janner-Stahl und Maria Ahke) den schrägen Schlussakkord hinter einen vergnüglichen Abend, der dem angegrauten Werk Valentins einen verdienten neuen Zeitstempel verpasst.

Tagesausgabe als E-Paper kaufen und mobil bezahlen

Sie können seit März 2012 auch eine einzelne Ausgabe unserer Zeitung im E-Paper-Format kaufen. Die Bezahlung erfolgt direkt über Ihr Mobiltelefon, eine gesonderte Anmeldung ist nicht erforderlich.

Um sich einen Eindruck davon zu verschaffen, wie das E-Paper aussieht, können Sie hier klicken und ein kostenloses Ansichtsexemplar anschauen.


Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben:

Ihre E-Mail-Adresse:
Ihr Kennwort:

Noch nicht Mitglied im Oberpfalznetz?

Dann registrieren Sie sich hier!
Heute

Regensburg

Ein Künstler macht Regensburg bunt

Seit fast 20 Jahren verschönert Oleg Kuzenko Hausfassaden, Innenräume und Parkhäuser der Stadt

Oleg Kuzenko ist ein Allround-Künstler. Egal ob Leinwände, Möbel, Uhren, Hausfassaden oder Parkhauswände: Was dem gebürtigen Ukrainer in die Quere kommt, wird gnadenlos bemalt. Nachdem er bereits im mehr...
Zum Artikel: Orgelkonzert in markgräflicher Atmosphäre

Bayreuth

Orgelkonzert in markgräflicher Atmosphäre

Anna-Victoria Baltrusch gastiert bei "Musica Bayreuth"

1989 wurde sie in Berlin geboren, erhielt bereits mit fünf Jahren Klavierunterricht. Anna-Victoria Baltrusch ist sechsfache Preisträgerin des Bundeswettbewerbs "Jugend musiziert" in den Kategorien mehr...

Regensburg

Oper, Requiem und Nachtkonzerte

Tage Alter Musik in Regensburg bieten von 25. bis 28. Mai ein breitgefächertes Programm

Am Pfingstwochenende vom 25. bis 28. Mai finden zum 28. Mal die "Tage Alter Musik" in Regensburg statt. Für die Fachwelt zählen sie zu den weltweit renommiertesten und traditionsreichsten Festivals mehr...
Zum Artikel: Musical Sommer

Die Sage vom gar nicht kühnen Recken

Das Kindermusical "Ritter Kamenbert" feiert auf der Luisenburg eine gelungene Premiere

Wunsiedel.Ach, es ist schon ein Drama mit den Geschlechterrollen im 21. Jahrhundert: Die jungen Männer wollen einfach keine Machos, pardon, kühnen Recken mehr sein. Dafür gebärden sich die jungen mehr...

Oldenburg

Ein komischer Kauz mit Hut

Jos Schnurer hat sich an einem Kriminalroman versucht

Er war schon immer irgendwie ein komischer Kauz: der Doktor Huth von der Kriminalpsychologie. Komisch, aber nicht uninteressant. Denn der Mann, der seinem Namen verpflichtend nicht ohne Hut aus dem mehr...
Zum Artikel: Hinter der Idylle

Haag an der Amper

Hinter der Idylle

In Wolfgang Ammers erstem Krimi ist es vorbei mit der Ruhe im Ampertal

Es ist ein sogenannter Ampertal-Krimi, den Wolfgang Ammer unlängst im Oldenburger Schardt-Verlag vorgelegt hat. Und nicht nur der Leser stutzt über die sonderbaren Vorkommnisse im vermeintlich mehr...

Weiden/München

"Ich bin es nicht gewöhnt, kürzer zu treten"

"Unser Leben ist voller Politik": Der Kabarettist Dieter Hildebrandt wird 85 Jahre alt

Einst war er Platzanweiser im Münchner Kabarett "Kleine Freiheit", heute ist Dieter Hildebrandt selbst der wohl bekannteste Kabarettist Deutschlands. Am heutigen Mittwoch wird er 85 Jahre alt und mehr...

Amberg

Jung, frisch und mit selten gehörter Perfektion

"Metropol Chamber Orchestra" bietet außergewöhnliches Konzerterlebnis im Amberger Kongregationssaal

Welch ein Debüt! Das erst jüngst von Studenten der Hochschule für Musik in Nürnberg gegründete "Metropol Chamber Orchestra" begann seine Karriere gleich mit zwei Konzerten an einem Tag. mehr...