Von Peter Geiger |
10.10.2011
| Netzcode: 2994871 | 387 Mal gelesen.
Sulzbach-Rosenberg
Auch das, was nicht war, ist
Literaturhaus Oberpfalz: Der serbische Autor Sreten erhält Auftrittsverbot - Dragana Mladenovic liefert Analyse
Eine gleichermaßen erweiterte wie reduzierte "Jugosphäre" auf dem Bachmannsofa: Fritz Barth, der stellvertretend für Sreten las, die in Split geborene Moderatorin und Übersetzerin Alida Bremer, die Lyrikerin Dragana Mladenovic und Donumenta-Macherin Regina Hellwig-Schmid. Bild: Geiger
Normalerweise ist es ja so: Ein Berichterstatter verkündet das, was war. Über diese denkwürdige Lesung vom vergangenen Freitag im Literaturhaus Oberpfalz muss in anderer Weise berichtet werden: An vorderster Stelle geht es um das, was nicht war. Es wird darüber berichtet, was aus politschen Gründen nicht stattfinden durfte.
Der serbische Schriftsteller Sreten, der mit bürgerlichem Namen Sreten Ugricic heißt und als solcher seit der Amtszeit des 2003 ermordeten Ministerpräsidenten Zoran Ðinðic Direktor der serbischen Nationalbibliothek ist, durfte deshalb an der Lesung nicht teilnehmen, weil die "donumenta" (die als Mitorganisator auftritt) in ihrem Katalog eine Landkarte Serbiens abbildet, auf der das seit Februar 2008 die Eigenstaatlichkeit beanspruchende Kosovo (zu deutsch: Amselfeld) fehlt.
Sanktionen angedroht
Dementsprechend wurde ihm von seinem Dienstvorgesetzten, dem serbischen Kulturminister, die Teilnahme unter Androhung von Sanktionen untersagt. Das zeigt: Auch im Jahre 20 nach Beginn dessen, was heute unter der Sammelbezeichnung "Jugoslawienkriege" behandelt wird, herrscht keineswegs Frieden. Diese Ausladung ist vielmehr realitätssatte Chiffre für die Machtverhältnisse am Balkan: Die Kräfte der Versöhnung und des Dialogs sind noch immer in der Minderheit, sind noch nicht (oder schon wieder nicht mehr?) Träger politischer Verantwortung.
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Sulzbach-Rosenberg
Auch das, was nicht war, ist
Literaturhaus Oberpfalz: Der serbische Autor Sreten erhält Auftrittsverbot - Dragana Mladenovic liefert Analyse
Hier soll kein dämliches Plädoyer für eine mafiös strukturierte Atomisierung der multiethnischen Region gehalten werden: Aber gerade das Mundtot-Machen und die Gesprächs-Verweigerung sind jene Fakten, die für die Katastrophen und das Elend der vergangenen zwei Jahrzehnte im Südosten Europas mitverantwortlich zeichnen. Viele der dort lebenden Menschen sind übrigens ihren Politikern schon ein weites Stück voraus - und begreifen den postjugoslawischen Raum nicht nur in engen nationalstaatlichen Kategorien, sondern als eine von vielen kulturellen Gemeinsamkeiten geprägte "Jugosphäre".
Aus der Not der Absage machte die Programmchefin des Literaturhauses, Patricia Preuß, eine Tugend, indem sie den Regensburger Schauspieler Fritz Barth einlud: Und der las Sretens Texte in genialer Weise. Im Roman "An den unbekannten Helden" (Edition Balkan, Dittrich-Verlag, 17,80 Euro) geht es genau um dieses Serbien von heute, um seinen missglückten Umgang mit den Mythen der Vergangenheit. Freilich verdreht der Autor die Realität ins Surreale - aber genau dies entspricht seiner Wahrnehmung des Alltags. Sreten Ugricic betrachtet sich durchaus als Patriot, wie Moderatorin Alida Bremer feststellte. Aber genau jene Verbundenheit mit den eigenen Leuten lässt ihn nicht ins Ungefähre der Emotion abdriften, sondern eine Vision eines Landes entwickeln, das seine Zukunft in der Bildung sieht. Deshalb ist er als Bibliotheksdirektor auch Leseförderer und betreibt auf recht energische Weise die Digitalisierung seines Bücherbestands.
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Sulzbach-Rosenberg
Auch das, was nicht war, ist
Literaturhaus Oberpfalz: Der serbische Autor Sreten erhält Auftrittsverbot - Dragana Mladenovic liefert Analyse
Plädoyer für Aufklärung
Eine halbe Generation jünger ist die Poetin Dragana Mladenovic. Die 1977 im Hessischen als Tochter jugoslawischer Gastarbeiter geborene Sprach- und Literaturwissenschaftlerin gehört zu jenen jungen Menschen, die wie ihr ebenfalls anwesender Mann im Herbst 2000 den Sturz des Milosevic-Regimes betrieben: Sie ist angeödet von der Mystifizierung der serbischen Geschichte und vom Verschweigen der Kriegsverbrechen. Stattdessen plädiert sie für Aufklärung - als Poetin ebenso wie als engagierte Journalistin. In ihrem Gedichtband "Verwandtschaft" (Edition Korrespondenzen, 16 Euro) entwirft sie ein Bild vom heutigen Serbien, das geprägt ist von Verstörung, Klaustrophobie und bizarren Ritualen.
In ihrem Heimatort Pancevo hat Dragana Mladenovic erlebt, wie ein Kriegsverbrecher in einer Familie versteckt wurde. Sie plädiert mit ihrer hochverdichteten Poesie für eine Neuorientierung des Landes, für einen offenen Umgang mit den Verbrechen und den Fehlern der Vergangenheit. Dies kann freilich nur im Dialog gelingen. Die Verweigerung eines solchen fördert eher das Gegenteil. Normalerweise.
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