Von (ps) |
19.09.2011
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Weiden/Neustadt
Psychisch Kranke auf der Wartebank
Fachleute schlagen Alarm: Nordoberpfalz ist mit Psychotherapeuten stark unterversorgt
Weiden/Neustadt. (ps) Stellen Sie sich vor, Sie haben akute Zahnschmerzen, erhalten aber frühestens in sechs Monaten einen Arzttermin. Unmöglich? Stimmt. Zumindest was die Zahnbehandlung betrifft. Traurige Realität ist das jedoch bei der ambulanten Versorgung psychisch Kranker im Raum Weiden-Neustadt-Tirschenreuth. Deshalb schlägt die Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft (PSAG) Nordoberpfalz Alarm.
Mehr Psychotherapeuten für die Versorgung der Patienten in der Nordoberpfalz fordern die Mitglieder der PSAG und Psychotherapeutin Regina Buchner (sitzend, Zweite von rechts). Im Bild von links (sitzend): Dr. Stefan Gerhardinger, stellvertretender Vorsitzender Berthold Kellner, Jacqueline Blokzyl (Integrationsfachdienst), Regina Buchner, Markus Eber (HPZ-Regenbogenwerkstatt); stehend von links: Praktikantin Miriam Babl, Edelgard Neumann-Böckels (Dornrose), Simon Haberkorn (Dr. Loew soziale Einrichtungen), Vorsitzender Thomas Fehr, Dr. Friedrich Dechant (Telefonseelsorge Nordoberpfalz). Bild: Porsche
Sechs bis zwölf Monate, unter Umständen sogar zwei Jahre, dauert es bis ein psychisch kranker Erwachsener einen Termin bei einem Psychotherapeuten erhält. "Wir haben keine Lust mehr, das hinzunehmen", macht PSAG-Vorsitzender Thomas Fehr (Sozialteam GmbH) seinem Unmut Luft. "Wir haben hier Verantwortung wahrzunehmen. Die Versorgung funktioniert in der Region nicht so wie es sein sollte."
Es ist beileibe nicht die erste Warnung, die die PSAG in dieser Hinsicht ausspricht. Doch mittlerweile hat sich die Situation noch verschlechtert. "Die Zahl der psychischen Erkrankungen steigt", weiß Dr. Stefan Gerhardinger. Die Zahl der Suizidtoten (rund 10 000 pro Jahr) liegt in der Bundesrepublik inzwischen doppelt so hoch wie die Zahl der Verkehrstoten (rund 5000/Jahr).
Wichtig ist schnelle Hilfe
Patienten, die auf absehbare Zeit keinen Termin bei einem Psychotherapeuten erhalten, wenden sich häufig an die von Dr. Gerhardinger geleitete Caritas-Beratungsstelle für seelische Gesundheit. "Wir können aber nur die Erstversorgung übernehmen. Damit ist es in der Regel nicht getan." Menschen, die an einer Depression oder Angstzuständen leiden, benötigen außerdem schnelle Hilfe. Die ist angesichts der Unterversorgung in der Region (siehe Kasten "Zahlenakrobatik") nicht gegeben. Die Mitglieder des PSAG-Arbeitskreises "Erwachsene psychisch kranke Menschen" fordern deshalb, endlich neue Stellen für Psychotherapeuten zuzulassen.
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Weiden/Neustadt
Psychisch Kranke auf der Wartebank
Fachleute schlagen Alarm: Nordoberpfalz ist mit Psychotherapeuten stark unterversorgt
Patient und Familie leiden
Denn die permanente Unterversorgung hat weitreichende Konsequenzen. Berthold Kellner (Lebenshilfe Tirschenreuth), stellvertretender PSAG-Vorsitzender: "Für den Patienten besteht die Gefahr der Chronifizierung. Das bedeutet großes Leid für den Betroffenen und seine Familie." Das zieht zugleich - so Edelgard Neumann-Böckels (Dornrose e. V.) - einen enormen volkswirtschaftlichen Schaden nach sich. "Der psychisch Kranke fällt aus dem Arbeitsprozess raus. Seine Kinder leiden. Die Erkrankung wird von Generation zu Generation weitergereicht."
Damit dies nicht länger der Fall ist, will die PSAG gemeinsam mit niedergelassenen Psychotherapeuten ein regionales Netzwerk aufbauen. Die Resonanz auf einen ersten Gesprächstermin war bisher zwar mager - womöglich wegen der starken beruflichen Belastung. Doch die PSAG wird das Ziel weiter verfolgen, und sie plant einen Qualitätszirkel, um die Situation dauerhaft zu verbessern. Im Frühjahr 2012 soll außerdem eine Diskussionsrunde mit Politikern aus der Region, Krankenkassen, Psychotherapeuten und Vertretern des Bezirkskrankenhauses Wöllershof stattfinden, bei dem das Thema regionale Versorgung im Brennpunkt steht. "Bisher wird am falschen Eck gespart", kritisiert Dr. Friedrich Dechant. Der Leiter der Telefonseelsorge Nordoberpfalz berichtet immerhin von durchschnittlich 80 Anrufen pro Tag. Das zeigt den großen Bedarf an Hilfe. Die ist bei psychisch Kranken ebenso schnell nötig wie bei Zahnschmerzen - und nicht erst nach einem Jahr.
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