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Von Tobias Schwarzmeier  |  23.05.2011  | Netzcode: 2810343  |  1029 Mal gelesen.
Leuchtenberg

Der bürgerliche Graf und seine wilden Frauen

Landestheater Oberpfalz eröffnet Burgfestspiele Leuchtenberg mit Volksstück "Graf Schorschi" - Unterhaltsame Inszenierung mit Lokalkolorit

Der vermeintliche Verbrecher ist nebenan. Der
Der vermeintliche Verbrecher ist nebenan. Der Heldenmut Josef Schrumms (Reinhard Kausler) wird auf den ersten Blick nicht deutlich. Bild: Tobias Schwarzmeier
Da verstehe einer die Frauen. Gärtner Schorschi ist weder der Allerjüngste noch der Schönste, uncharmant und ein bekennender Frauenverächter, kurz: Eine nicht gerade gute Partie. Doch Metzgertochter Rosl ist schier von ihm besessen und auch die schöne Berti scheint nicht abgeneigt. Aber warum? Eigentlich ist das einzig Besondere an ihm noch sein Name. Und der soll Schorschi Graf viel Ärger machen.

Schnell wird klar, wohin die Reise in der schwungvollen Verwechslungskomödie "Graf Schorschi" geht, mit der das Landestheater Oberpfalz am Samstag die Sommersaison der Burgfestspiele Leuchtenberg eröffnete. Die Handlung des Volksstücks kommt in Gang, als Josef Schrumm (Reinhard Kausler) für seine Tochter Berti im Blumenladen der Grafs Rosen kauft, die Schorschi ins Haus liefern soll.

Fürstlich empfangen



Bei Schrumms hat sich zeitgleich ein waschechter Adeliger angekündigt und ein zufällig herausgeputzter Schorschi im Smoking denkt sich nichts dabei, bei seiner Lieferung als "Herr Graf" überaus fürstlich empfangen zu werden. Als er dort auch seine Marktbekanntschaft Berti (herrlich zickig: Stella Geißl) wiedertrifft, in die er sich verliebt hat, bleibt er gerne. Dass zur gleichen Zeit ein vermeintlicher Hochstapler, der sich als Graf ausgeben soll, die Polizei in Atem hält, kann er nicht ahnen.

Regisseur Matthias Winter transponiert die ursprünglich in München spielende Geschichte ins oberpfälzische Weiden, was prächtig gelingt. Das Ensemble, allen voran Thomas Scheck, der den Blumenhändler vom Oberen Markt etwas mundfaul und stur, aber gleichzeitig sympathisch-schlitzohrig anlegt, vermittelt rundum authentisches Lokalkolorit.

56 Bilder
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Bilder: Tobias Schwarzmeier


Im Gegensatz zu vielen Negativbeispielen von Stücken, die aus ihrem lokalen oder zeitlichen Kontext herausgenommen werden, wirken die Ortsbezüge hier nicht bemüht oder mit der Brechstange in die Dialoge hineingequetscht. In der unterhaltsamen anderthalbstündigen Vorstellung - der ersten auf der komplett erneuerten Leuchtenberger Bühne - passen Anspielungen wie der Fünf-Uhr-Tanztee im Postkeller, zu dem Rosl (keine schmollt schöner: Corinne Köhler) den Schorschi nötigt, stimmig ins Gesamtbild.

Einfach komisch



Autor Carl Borro Schwerla spinnt die Handlung seines Volksstücks im typischen Stil der frühen Schwänke des Komödienstadels als einfaches, lineares Muster. Keine verwickelten Nebenhandlungen, komplizierte Familienverhältnisse oder antiquierten Moralvorstellungen - allein die Namensverwechslung trägt den kompletten Plot. Und das mühelos. Dass das angestaubt und nicht mehr zeitgemäß sei, mögen manche über die an sich banale Grundidee denken. Doch beim genaueren Hinsehen finden sich in der gelungenen Bearbeitung Winters witzige Anspielungen, die zeigen, dass sich viele Dinge nicht geändert haben, seit Maxl Graf und Erni Singerl in den 1960ern das Stück spielten.

Am Ende wird der Frauenverächter (Thomas Scheck,
Am Ende wird der Frauenverächter (Thomas Scheck, mit Stella Geißl) zum fast vollendeten Kavalier. Mit der Adaption des Komödienstadel-Klassikers


Wenn Nesthocker Schorschi mit Sprüchen wie "Mir geht doch nix ab" oder "Du hältst dich noch wie lang" sein "Hotel Mama" preist oder Bertis gutbürgerliche Mutter (Claudia Lohmann) eine beflissene Titelhörigkeit an den Tag legt, die durch schreibfaule, adelige Doktoren wieder aktuell ist, ist das lebensnahe Volksstück im Hier und Jetzt angekommen.

Doch es sind vor allem die extrem überzeichneten Charaktere, die den Schwank zu einem komödiantischen Erlebnis machen. Mit überbordendem Temperament wird nach Herzenslust gepoltert und gezetert und die eine oder andere Psychose gepflegt. Reinhard Kausler etwa lässt in einer glänzenden Darbietung den pragmatischen, ängstlichen Schrumm, der glaubt, einen gefährlichen Verbrecher im Haus zu haben, mit urkomischer Dauer-Panikattacke und vorgeschobenem Helden-Getue nahe am Wahnsinn agieren.

Ebenfalls zum Brüllen ist, wenn die großartige Sigrid Pohlhaus als Schorschis aufbrausende Mutter Walburga die versnobte Babette Schrumm mit der Gießkanne jagt, oder Schorschi ungeschickt versucht, sich der gewitzten Frauen zu erwehren. Die naiv-schrullige Haushälterin (Martina Striegl), klischeehafte Beamte, Dorfpolizisten ohne Durchblick und die üblichen Zutaten wie derbe Sprüche, Hochdeutsch als skurriles Element und Slapstick komplettieren das launige Spiel.

Finale mit Tempo und Witz



Die ohnehin straff erzählte Geschichte nimmt im dritten Akt mit Dauer-Geplänkel und hektischen Verfolgungsjagden noch einmal unglaublich viel Fahrt auf. Als "Graf Schorschi" als Heiratsschwindler festgenommen wird, treffen alle in der Polizeiwache aufeinander. Dass im turbulenten und sehenswerten Finale das Happy-End fast beiläufig eingeflochtenen wird, ist erfrischend und rundet die entstaubte Inszenierung perfekt ab.

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