Der Schriftsteller und leidenschaftliche Fußgänger Bernhard Setzwein liest bei den Weidener Literaturtagen aus "Das blaue Tagwerk"
Er ist ein "Prophet", auf den man im eigenen Land hört: Bernhard Setzwein, geborener Münchner, der seit mehr als 20 Jahren in Waldmünchen lebt und arbeitet. Bei den 27. Weidener Literaturtagen stellt Setzwein am 10. Mai um 20 Uhr im Vereinsheim "Almrausch" sein Journal "Das blaue Tagwerk - Fast nichts 1997 bis 2009" (Edition Lichtung) vor. Die Kulturredaktion führte mit ihm vorab ein Interview.
Blau steht oft für eine gewisse Melancholie oder Traurigkeit. Was bedeutet Blau für Sie?
Bernhard Setzwein: Blau ist für mich ganz klar die Farbe der Poesie. Und das nicht nur wegen der "Blauen Blume" der Romantiker. Poesie ist eines der letzten Refugien, in denen man noch blaumachen darf, unnütz sein, dumme Fragen stellen, tagträumen und was einem sonst Unproduktives einfallen mag. Von alldem steckt hoffentlich etwas drin in meinem Tagebuch, das übrigens eine strenge Überprüfung durchlaufen hat: Das Ursprungsmaterial war dreimal so viel. Im Buch geht's Schlag auf Schlag von einem Traumnotat zu einer Reisenotiz, von einer Naturbeschreibung zu einem philosophischen Gedankenspiel.
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Der Schriftsteller und leidenschaftliche Fußgänger Bernhard Setzwein liest bei den Weidener Literaturtagen aus "Das blaue Tagwerk"
Tagwerk ist auch eine alte Flächen-Maßeinheit aus der Landwirtschaft. Wie haben Sie Ihr Tagebuch-Tagwerk verfasst? Täglich?
Setzwein: Ich schreibe, um das gleich zu sagen, keineswegs tagtäglich Tagebuch. Ich finde sogar, dass dieser Zwang zur möglichst lückenlosen Chronologie etwas Fatales hat: Man ist verleitet, Banalitäten festzuhalten, nur damit für einen bestimmten Tag auch was notiert ist. Irgendwann habe ich sogar die Datumsangaben weggelassen. Jetzt sieht man nicht mehr auf den ersten Blick die großen Löcher, die es in diesem Tagebuch auch gibt. Manchmal bleiben die Geistesblitze halt aus - und die Seiten leer.
Der Osten hat Sie schon immer besonders interessiert, seitdem sie seit 1990 in Waldmünchen an der bayerisch-tschechischen Grenze leben. Was fasziniert Sie an unseren Nachbarn?
Setzwein: Es sind Kleinigkeiten, auf der einen Seite ... ich habe versucht, so manche davon im Tagebuch festzuhalten. Zum Beispiel dieser Sinn für poetische Formulierungen. Um noch mal die Farbe Blau aufzugreifen: Die blaue Stunde gegen Sonnenuntergang heißt bei den Tschechen "die Stunde zwischen Hund und Wolf".
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Zu einer gottverlassenen Gegend sagen sie: "Dort hört Brot auf und Stein fängt an." Das sind doch wahre poetische Kostbarkeiten. Daneben, und das ist die andere Seite, stelle ich immer wieder eine gewisse Vergleichbarkeit der Mentalität fest. Der böhmische Humor ist dem bayerischen zum Beispiel sehr verwandt. In einem Buch von Bohumil Hrabal, meinem absoluten Liebling unter den Schriftstellern Tschechiens, geht eine Ehefrau für ihren Mann ein Hemd kaufen. Fragt die Verkäuferin: "Welche Kragenweite hat er denn?" Da überlegt die Frau kurz, nimmt ihre Hände und sagt: "Wenn ich ihn würge, mach ich immer so!"
Ihre Tagebucheinträge stammen aus dreizehn Jahren. Was hat die Jahre 1997 bis 2009 ausgezeichnet?
Setzwein: Nun trägt ja mein Tagebuch den Untertitel "Fast nichts 1997 bis 2009". Das "Fastnichts", sagt der Peter Handke, sei ja das eigentlich Poetische, das die Welt umspannt. So sehe ich das auch. Mit anderen Worten: Zu den großen weltgeschichtlichen Ereignissen wird man bei mir leider nichts finden. Ich nehme mir da lieber Franz Kafka als Maßstab, in dessen Tagebüchern die Geschehnisse des Ersten Weltkrieges mit ganzen vier Zeilen abgehandelt werden.
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Ich bin der tiefen Überzeugung, dass Schriftsteller nicht dazu da sind, bei dieser Abfragerei von Meinungen zu Tagesaktualitäten - Stichwort Talkshows - möglichst marktschreierisch mitzumischen. Deshalb, um die Frage zu beantworten, das Wichtige an diesen Jahren war: wie der Wind geweht hat, wie unsere Katze geschaut hat und dass ich bei Adalbert Stifter das Wort "unausstaunbar" gefunden hab.
Was zeichnet das Gehen aus, wie gelingen Ihnen so wunderbare Sätze wie "Wundern kann ich mich nur beim Wandern"?
Setzwein: Ja, vom Gehen ist oft die Rede im "Blauen Tagwerk". Gehen und Schreiben haben eines gemeinsam: Man muss es langsam tun. Und das mit dem Wundernkönnen klappt auch nur, wenn man sich die Zeit dafür gibt. Welch eigenartiges Kastagnettenklappern zum Beispiel ein Weizenfeld von sich gibt, wenn nach einem Gewitter die Sonne die Ähren wieder trocknet, ich glaube, das hat noch keiner im Vorbeirauschen in einem Auto gehört. Solche Wunder erleben eben nur Zufußgeher. Und das Klappern von Walkingstöcken ist übrigens auch sehr hinderlich dabei.
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Karten für die Lesung mit Bernhard Setzwein sowie alle anderen Veranstaltungen der Weidener Literaturtage gibt es beim NT/AZ-Ticketservice (Telefon 0961/85-550 und 09621/306-230).
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