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Von Tobias Schwarzmeier  |  29.03.2011  | Netzcode: 2740906  |  490 Mal gelesen.
Neustadt/WN

Gefühlvolle Lieder böser Liedermacher

"Christoph Süß ohne Band" erntet mit improvisierter "Konzert-Lesung" von 350 Fans in der Stadthalle viel Beifall

Christoph Süß
Christoph Süß (links) und sein Gitarrist Luke Cyrus Goetze. Bild: tos
Selten hat ein Herzinfarkt so poetisch geklungen. Die in Balladenform gebrachten Gedanken eines Mannes, der sterbend auf dem Boden einer Kneipe liegt, und - ohne Ehrgeiz und Stress - mit sich im Reinen ist, berühren tief. Hier ist ein filigraner Liedermacher am Werk, der tiefgründig denkt. Kaum vorstellbar, dass melancholische Songs wie dieser von einem zynischen, bitterbösen Kabarettisten kommen.

Nach dem Ausfall seiner Band nur von Gitarrist Luke Cyrus Goetze begleitet, wirft Christoph Süß am Freitag sein Programm "Lieder böser Affen" um, da manche Songs der neuen CD "Letzte Bestellung" eben nur mit kompletter Band funktionieren. Schade, denn so ist der Münchener gezwungen, vom ihm eigenen dramaturgischen Aufbau abzuweichen, in dem Songs und gesprochene Texte ineinandergreifen. Ganz glücklich ist Süß damit anfangs nicht, doch das fällt nur eingefleischten Fans auf. Denn der improvisierte Abend hat seinen Reiz.

Sarkastische Fülltexte



Durch die zusätzlich eingefügten älteren Satire-Texte aus Buch und Radio-Kolumne gerät der Konzertabend vor 350 Zuschauern in der Stadthalle streckenweise zur Lesung, in der oft der "quer"-Moderator in Süß durchblitzt. Der abgebrochene Philosophiestudent widerlegt Kants kategorischen Imperativ mit einem Gurkensalat, knüppelt auf den Evolutionsversager Neandertaler ein oder parodiert zwei Wiener Metrosexuelle, die das Rauchen erst aufgeben, nachdem es ungefährlich geworden ist. Keiner bringt Zeitgeistideologien grassierender Blödheit so zielgenau auf den Punkt wie Christoph Süß.

Doch es sind die - teilweise umarrangierten - Songs, deren musikalisch anspruchsvoll eingebettete Textperlen am meisten begeistern. Das Multitalent begleitet sich an Klavier, Gitarre oder Bluesharp selbst und glänzt im Unplugged-Stil mit Powerrock, Bluesnummern, und als Zugabe einem "Steirischen" über einen Bergidioten, der zum Ötzi wird.

Süß ist etwas älter geworden, seine früher fast brutalen, schwarzhumorigen Botschaften sind eine Spur sanfter, dabei aber nicht weniger kritisch. In "Konsum" - mit vorherigem "Kapitalismus-Vater-unser" und schönem Solo von Goetze - spielt er gekonnt auf der Klaviatur der Luxusängste, in "Münchener" gibt er der Bussi-Bussi-Gesellschaft eine mit, und das nachdenkliche "Böse Affen" mit starker Pianobegleitung - genial.

Trotz des wohl einmaligen Abends der Kompromisse passt doch alles zusammen. Und auch Perfektionist Süß wirkt beim großen Applaus am Ende fast wieder zufrieden.

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