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Von Stefan Voit  |  20.03.2010  | Netzcode: 2246464  |  407 Mal gelesen.
Weiden

"Die Sprache muss ich mir immer erst erschreiben"

Interview mit der Schriftstellerin Alissa Walser - Lesungen im Literaturhaus Sulzbach-Rosenberg und bei den Weidener Literaturtagen

Die Schriftstellerin Alissa Walser auf der
Die Schriftstellerin Alissa Walser auf der Leipziger Buchmesse. In ihrem Debütroman "Am Anfang war die Nacht Musik" befasst sie sich mit dem weitgehend vergessenen Arzt Franz Anton Mesmer. Bild: dpa
Einen Roman wie eine Komposition kann man das neue Buch "Am Anfang war die Nacht Musik" (Piper Verlag) von Alissa Walser nennen. Darin erzählt die Schriftstellerin auf eindrucksvolle Weise die Geschichte des berühmten Wiener Arztes Franz Anton Mesmer, der 1777 die blinde Pianistin und Sängerin Maria Theresia Paradis heilen soll. Die Kulturredaktion führte mit Alissa Walser dieses Interview.

Wie schwierig war es für Sie, nach den Erzählungen und Kurzgeschichten, jetzt einen Roman zu schreiben?

Alissa Walser: Als ich wusste, dass es ans Schreiben geht, war noch gar nicht klar, was es eigentlich werden würde. Ich habe dann das erste Kapitel angefangen und gemerkt, dass das Ganze eher eine längere Form benötigte. Okay, dachte ich, jedes Kapitel ist eine Kurzgeschichte. Gleichzeitig merkte ich, dass der Stoff mir einen Atem gab, der mich immer weiter trug. Und vor allem war es auch eine sehr angenehme, fast entspannende Erfahrung, dass die Personen am Ende eines Kapitels noch dableiben und ins nächste Kapitel mitkommen durften.

Sie haben sich ja schon öfters mit historischen Personen befasst. Worin lag für Sie der besondere Reiz, diese Geschichte zu erzählen?

Walser: Eigentlich nur einmal, Berthe Morrisot, aber da hatte ich längst Mesmer und Paradis im Hinterkopf. Das war schon ein Versuch in die Richtung. Ich habe dann erst bei der Recherche gemerkt, dass ich viele "meiner" Themen in dem Stoff wiederentdecke. Themen, die auch in meinen vorigen Büchern schon eine Rolle spielten. Von Anfang an hat mich die Beziehung zwischen Mesmer und Paradis interessiert. Eine Beziehung, die über die damals übliche Arzt-Patienten-Beziehung hinaus geht.

Und ich habe mich gefragt, was Mesmer anders gemacht hat als die vielen Ärzte, die schon vor ihm versucht haben, das Mädchen zu heilen. Und in diesem Zusammenhang spielt auch die Musik eine große Rolle. Sie war sozusagen, auch wenn das eigenartig klingt, das einzig Fassbare zwischen den beiden. Für Maria Theresia Paradis bedeutete die Musik alles.

Ihr Schreibstil klingt wie eine Komposition. Haben Sie beim Recherchieren und beim Schreiben klassische Musik gehört?

Walser: Natürlich habe ich versucht, Werke, die in meinem Text vorkommen, zu hören: Das Haydn-Klavierkonzert beispielsweise, oder auch die Werke von Maria Theresia Paradis selbst. Sie hat ja auch komponiert. Leider ist vieles davon nicht mehr vorhanden. Aber ihre "Sicilienne" kann man heute sogar auf "YouTube" anhören. Die Sprache aber muss ich mir immer erst "erschreiben". Die entsteht. Das ist ein wenig wie beim Improvisieren. Es ergeben sich Motive, die variiert werden. Dann stimmen sich die Instrumente aufeinander ein. Dann entsteht ein internes Gespräch, das sich hoffentlich auf den Lesenden überträgt. Ich hatte zumindest das Gefühl, dass es mich durch den Stoff trägt. Das war eine sehr schöne Erfahrung.

Kamen Sie in Ihrem Elternhaus mit klassischer Musik in Berührung? Oder hörten Sie auch Pop- und Rockmusik?

Walser: Ich hörte und höre alles mögliche. Als Kind habe ich, wie die meisten, viel musiziert. Lernte also alle mögliche klassische Literatur kennen. Später Rock und Pop und Punk und House und Rap. Ich halte Musik für etwas ungeheuer Wichtiges. Sie verfeinert die Wahrnehmung, kann einem Rhythmus geben, man lernt vieles verstehen durch Musik.

Wie sehr leidet man als Autorin während des Schreibens mit den Hauptpersonen, hier mit der blinden Maria Theresia Paradis mit?

Walser: Was mich gleich an dieser Figur faszinierte, war die Tatsache, dass sie nicht "nur" eine "Leidende" ist. Denn man darf ja nicht vergessen, dass in ihrer "Krankheit" auch ein Stück "Freiheit" steckte. Jedenfalls von heute aus gesehen. Wäre sie ein normal sehendes Mädchen gewesen, hätte sie den damals für Frauen üblichen Weg gehen müssen: Heiraten und Kinder bekommen. Sie hätte zwar vielleicht musizieren dürfen, aber sie hätte auf keinen Fall einen Beruf daraus machen dürfen. Frauen sollten ja eine gewisse Bildung besitzen, aber bloß nicht zu viel. Das hätte ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt drastisch gesenkt. Maria Theresia Paradis hat also durch ihre Blindheit die Möglichkeit, aus ihrer Passion, der Musik, einen Beruf zu machen. Diese Ambivalenz war es, die mir für alle Figuren dieser Geschichte wichtig wurde.

Zu den Weidener Literaturtagen bringen Sie den Pianisten André Schönfeld mit. Auf was dürfen sich die Besucher an diesem besonderen Abend denn freuen?

Walser: Ich werde einen Einstieg in den Roman geben und Herr Schönfeld wird Auszüge aus dem besagten Haydn-Konzert vortragen.

Karten für die Lesung von Alissa Walser am 25. März (20 Uhr, Literaturhaus Sulzbach-Rosenberg) gibt es an der Abendkasse. Karten für die Lesung bei den Weidener Literaturtagen am 18. April (20 Uhr, E.ON Bayern Netzcenter) gibt es beim NT/AZ-Ticketservice (Telefon 0961/85-550 und 09621/306-230) sowie bei www.okticket.de.

Weitere Informationen im Internet:
www.weidener-literaturtage.de


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