Weiden
„Wir haben damals Geschichte live miterlebt“
September 1989: Die ersten DDR-Flüchtlinge treffen in Camp Pitman ein - Hektische Vorbereitungen
Weiden. (ps) Martin Wallinger war von Anfang an dabei. Anfang September 1989 erreichte den Mitarbeiter des Ausgleichsamts der Anruf, dass er die Regierungsaufnahmestelle in Weiden übernehmen soll. Die musste allerdings erst für den großen Ansturm vorbereitet werden. Ganz gut also, dass die für die ersten Septembertage angekündigten Flüchtlinge schon mal auf die Schnelle umgeleitet wurden oder sich anderweitig in Luft auflösten. So blieb den Mitarbeitern in Weiden noch Zeit für die Vorbereitungen.
Als sich im Spätsommer '89 die Flüchtlingsströme aus der damals noch existierenden DDR abzeichneten, ging es an der Kasernenstraße rund: „Die Gebäude mussten noch hergerichtet werden. Wir haben auf die Schnelle viele Handwerker beschäftigt“, erzählt Wallinger. Wände tünchen, Sanitäranlagen auf Vordermann bringen, die Räume putzen. Doch das war längst nicht alles.
„Wir haben erst mal Bettwäsche, Decken und Kopfkissen gekauft. Alles, was wir in Weiden bekommen konnten.“ Das Krankenhaus stellte leihweise 150 Betten zur Verfügung. Die wurden in den Zimmern und der Turnhalle aufgebaut. „Wir wussten ja nicht, wie viele Übersiedler tatsächlich kommen würden.“ Als Übersiedler gelten von Amts wegen übrigens auch die ehemaligen DDR-Bürger, die über die Tschechoslowakei, Ungarn und Österreich nach Deutschland geflüchtet sind.
Die in der Ostmarkkaserne auf die Schnelle eingerichtete Erstaufnahmestelle war für die Verteilung der Flüchtlinge auf die einzelnen Bundesländer zuständig. Die Regierungsaufnahmestelle im Camp Pitman übernahm die weitere Verteilung der ehemaligen DDR-Bürger auf die Städte und Gemeinden in der Oberpfalz. „Wir haben Pensionen und Hotels in der ganzen Oberpfalz angemietet und Übergangsheime für Über- und Aussiedler eingerichtet. Zu Spitzenzeiten hatten wir im Bezirk über 2600 Betten.“
„Die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung war enorm“, erinnert sich Wallinger. „Die Leute haben Spielzeug gebracht, Kleidung, Fahrräder, manche sogar Essen.“ Bei den täglichen Lagebesprechungen mit Vertretern der Stadt und des Landratsamts musste die Planung immer wieder neu ausgerichtet werden. Denn die eingehenden Meldungen änderten sich häufig. Angekündigte Flüchtlinge - unter anderem 500, die eigentlich zur Weidener Erstaufnahmestelle kommen sollten - blieben aus. „Wir waren froh, dass wir noch einige Tage für die Vorarbeiten hatten.“
Am 12. September 1989 war es dann so weit: Mit dem Ehepaar Daniela und Henry Arndt aus Wolfen bei Bitterfeld trafen die ersten Flüchtlinge im Camp Pitman in Weiden ein. Nach abenteuerlicher Flucht über die Tschechoslowakei, Ungarn und Österreich. Wenige Tage später wurden es immer mehr.
Firmen suchen Mitarbeiter
„Die meisten wollten in Bayern bleiben“, erzählt der 49-Jährige. Doch das war natürlich nicht machbar. Je nachdem, ob sie Verwandte in Bayern hatten - oft auch nach dem Beruf - erfolgte die weitere Zuweisung. „Viele Firmen aus der Umgebung sind auf der Suche nach Mitarbeitern zu uns gekommen. Die Übersiedler standen bei der Aufnahme Schlange. Da bin ich einfach raus und hab gefragt: Wer ist Maurer? Wer ist Tischler?“ Wer sich meldete, wurde möglichst gleich vermittelt. Das Arbeitsamt war vor Ort. Manche Firmen haben den Neuankömmlingen zum Arbeitsplatz auch gleich Wohnraum zur Verfügung gestellt.
Ursprünglich wurden die Neuankömmlinge vom Roten Kreuz verköstigt, später übernahm die Bundeswehr diese Aufgabe. Im Erstaufnahmelager blieben die Neuankömmlinge ein bis maximal drei Nächte bis zur Verteilung auf die einzelnen Bundesländer. So weit möglich wurden die Zielwünsche berücksichtigt.
Die vielen freiwilligen Helfer von Wohlfahrtsorganisationen - sie wurden von den Arbeitgebern damals großzügig für den Hilfseinsatz freigestellt - schauten nicht auf die Uhr. Für Martin Wallinger kam das schon gar nicht in Frage. „Von September 1989 bis Ende März 1990 kamen da mehr als 600 Überstunden zusammen. Ich hatte eine 7-Tage-Woche und wenn ich mal zu Hause war, ständige Rufbereitschaft, weil die Busse oft nachts ankamen.“
An Heilig Abend 1989 hat Martin Wallinger die beiden Töchter Steffi und Julia - damals fünfeinhalb bzw. zweieinhalb Jahre alt - ins Camp Pitman mitgenommen. „Meine Frau musste ja heimlich den Christbaum schmücken.“ Da war die Grenze längst offen und die ehemaligen DDR-Bürger kamen scharenweise in Zügen, mit Trabis oder per Motorrad. „Eine Planung war nicht mehr möglich. Die Kapazität war erschöpft. Deshalb haben wir versucht, die Leute so schnell wie möglich weiter zu leiten.“ Übrigens: An den Geruch des Zweitakter-Gemisches erinnert sich der 49-Jährige bis heute.
Schicksal gespielt
Gute Nerven waren gefragt. „Es war hart. Aber ich habe es gerne gemacht, weil es um Menschen ging“, versichert Wallinger. „Mir ist auch klar, dass ich ein bisschen Schicksal gespielt habe, mit der Entscheidung, wohin in Bayern und wohin in der Oberpfalz ich die Menschen schicke. Ich hoffe, dass die Entscheidungen alle richtig waren.“ Rückmeldungen hat er nicht bekommen. Die Übersiedler von damals haben sich in alle Winde zerstreut. „Viele sind nach der Grenzöffnung auch wieder zurück in ihre alte Heimat.“
Trotz aller Anstrengungen waren die Monate von September '89 bis April '90 für Martin Wallinger auch eine schöne Zeit. „Das Schönste war, den Menschen helfen zu können. Und es war unheimlich spannend. Wir haben damals im Camp Pitman Geschichte live mit erlebt.“
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