Berlin
Verliebt in die Menschen und die deutsche Sprache
Interview mit Volker Dittrich, dem Verleger und Begleiter des Schriftstellers Edgar Hilsenrath - Lesung am 26. April bei Weidener Literaturtagen
Edgar Hilsenrath zählt neben Grass und Walser zu den letzten großen deutschen Schriftstellern. Warum hat er nie diese literarische Anerkennung gefunden und ist fast ein Geheimtipp geblieben?
Volker Dittrich: Edgar Hilsenrath kam erst 1975 nach Deutschland zurück, als Günter Grass, Martin Walser und, nicht zu vergessen, Heinrich Böll schon berühmte und bekannte Autoren waren. Die Gruppe 47 hatte den Literaturbetrieb sehr stark dominiert. Und Hilsenrath kam als deutsch schreibender Jude mit amerikanischem Pass nach Berlin und konfrontierte die deutschen Leser mit seiner Groteske „Der Nazi & der Friseur“.
Der Jude Edgar Hilsenrath zwingt uns, über den Holocaust zu lachen, auch wenn einem das Lachen dabei im Hals steckenbleibt. Auch ich habe mich damals immer wieder gefragt: Darf man denn so über den Holocaust schreiben? Ja, damals durfte man das auch in Deutschland.
Hilsenrath blieb ein literarischer Einzelgänger, bediente nicht wie Grass, Walser und Böll die Medien und das Feuilleton. Nach seinen Schlaganfällen Anfang der neunziger Jahre geriet er immer mehr in Vergessenheit. Erst durch die Werkausgabe, die wir seit 2003 herausbrachten und im letzten Jahr abschlossen, und die Würdigungen anlässlich seines 80. Geburtstages hat sich dies wieder ein bisschen verändert.
Was ist das Besondere an dem Menschen und Schriftsteller Hilsenrath?
Dittrich: Er ist ein sehr ruhiger und bescheidener Mensch. Er kann sehr gut zuhören, wenn ihm Menschen ihre Geschichte erzählen, und er ist ein sehr guter Beobachter. Ihm entgeht nichts mit seinen aufmerksamen, wachen Augen, in denen der Schalk blitzt, mit dem er auch heute noch besonders die Frauen, ob jung oder alt, anzieht.
Edgar Hilsenrath liebt die Menschen und, wie er einmal sagte, er ist verliebt in die deutsche Sprache. Auch wenn er sich nicht als richtiger Deutscher fühle. Er beschreibt die Menschen und ihr Verhalten sehr genau und liebevoll, aus einer tiefen Humanität heraus, ohne die Menschen zu bewerten oder über sie zu urteilen. Das ist die große Kunst des Schriftstellers Edgar Hilsenrath.
Hilsenrath ist aufgrund seiner persönlichen Geschichte ein Zeitzeuge des 20. Jahrhunderts. Ein besonderes Anliegen ist es ihm, auch vor Schülern zu lesen. Was kann die junge Generation von ihm lernen?
Dittrich: Indem sie Hilsenrath einfach zuhört, wenn er aus seinem Leben erzählt, und ich aus seinen Büchern lese. Die Schüler lernen, dass in jedem Menschen das Gute wie auch das Böse steckt. Und dass die Menschen sich durch Gesetze und Regeln vor sich selbst schützen müssen, damit das Böse nicht überhandnimmt und zum bestimmenden Element einer Gesellschaft werden kann. Und die Schüler sollten die große Gelegenheit nutzen, einem der letzten Zeitzeugen des Holocaust persönlich Fragen zu stellen.
Auch wenn die drei Jahre, in denen Hilsenrath im Ghetto war, und seine Nazi-Lehrer aus seiner Schulzeit tiefe Wunden bei ihm hinterlassen haben, die niemals heilen werden, so sollte man Hilsenrath und besonders sein Werk niemals auf diese Zeit reduzieren. Als er das Ghetto verließ, war er 18 Jahre alt. Heute ist er 83.
Was macht den besonderen Reiz seiner Geschichten, Romane und Erzählungen aus?
Dittrich: Jeder Roman von Hilsenrath ist anders, auch wenn viele vom gleichen Thema gespeist sind. „Nacht“ ist sehr realistisch erzählt und ist für uns als Leser nur sehr schwer verdaubar. Liest man den Roman ein zweites Mal, erkennt man auch dort den typischen Hilsenrath- Witz. Als ich Hilsenrath das erste Mal neben mir lachen hörte, als ich aus „Nacht“ vorlas, war ich zuerst verwundert, aber dann begriff ich.
„Der Nazi & der Friseur“ oder auch „Fuck America“: Es gibt in diesen Romanen so kurze, knappe Dialoge, auch mit Wiederholungen, die typisch sind für die besondere Sprache von Hilsenrath. Oder „Das Märchen vom letzten Gedanken“, wo Hilsenrath auf dem Höhepunkt seines literarischen Schaffens das Grausamste in den einfachsten Worten erzählt, märchenhaft, dem Leser so die Möglichkeit gibt, das Ganze zu verdauen.
Edgar Hilsenrath und Volker Dittrich bei den Weidener Literaturtagen: „Sie trommelten mit den Fäusten den Takt“. 26. April, 20 Uhr, Buchhandlung Rupprecht. Karten beim NT/AZ-Ticketservice unter Telefon 0961/85-550 und 09621/306-230 sowie online unter www.ok-ticket.de. Weitere Infos: www.weidener-literaturtage.de
Das ausführliche Interview: www.oberpfalznetz.de/hilsenrath
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