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Von Stefan Voit  |  16.04.2009  | Netzcode: 1793506  |  395 Mal gelesen.
Berlin

Verliebt in die Menschen und die deutsche Sprache

Interview mit Volker Dittrich, der eine Edgar-Hilsenrath-Werkausgabe herausgebracht hat - Lesung am 26. April bei Weidener Literaturtagen

Berlin. Mit Edgar Hilsenrath (Jahrgang 1926) kommt am 26 April (19 Uhr, Buchhandlung Rupprecht) einer der größten Stilisten der deutschen Gegenwartsliteratur zu den Weidener Literaturtagen. Zu seinen bekanntesten Werken zählt der Roman „Der Nazi & der Friseur“, in dem er seine ganze Erzählkunst an den Tag legt. Im Berliner Dittrich Verlag ist eine zehnbändige Werkausgabe erschienen. Die Kulturredaktion führte mit dem Verleger Volker Dittrich, der Hilsenrath auf seiner Lesung begleitet und mit ihm ein Gespräch führt, dieses Interview.

Verleger Volker Dittrich begleitet seinen Autor
Verleger Volker Dittrich begleitet seinen Autor Edgar Hilsenrath (oben) bei den 25. Weidener Literaturtagen. Neben der Lesung am 26. April wird Dittrich auch ein Gespräch mit dem Schriftsteller führen. Bild: Voit
Edgar Hilsenrath zählt, neben Günter Grass und Martin Walser, zu den letzten großen deutschen Schriftstellern. Warum hat er nie diese literarische Anerkennung gefunden und ist (fast) ein Geheimtipp geblieben?

Volker Dittrich: Edgar Hilsenrath kam erst 1975 nach Deutschland zurück, als Günter Grass, Martin Walser, und nicht zu vergessen, Heinrich Böll schon berühmte und bekannte Autoren waren. Die Gruppe 47 hatte den Literaturbetrieb sehr stark dominiert. Und Hilsenrath kam als deutsch schreibender Jude mit amerikanischen Pass nach Berlin und konfrontierte die deutschen Leser mit seiner Groteske „Der Nazi & der Friseur“, in der er ein gekonntes Spiel mit dem Identitätswechsel des SS-Mannes und Massenmörders Max Schulz und seines jüdischen Jugendfreundes Itzig Finkelstein treibt, mit dem er den Leser immer wieder in die Falle lockt.

Und die Sprache ist derb sexuell, direkt und satirisch. Der Jude Edgar Hilsenrath zwingt uns über den Holocaust zu lachen, auch wenn einem das Lachen dabei im Hals steckenbleibt. Auch ich habe mich damals, als ich das Buch 1978 las, immer wieder gefragt, darf man denn so über den Holocaust schreiben? Ja, damals durfte man das auch in Deutschland.

Hilsenrath blieb ein literarischer Einzelgänger, bediente nicht wie Grass, Walser und Böll, die sich sehr oft gesellschaftspolitisch zu Wort meldeten und polarisierten die Medien und das Feuilleton.

Und nach seinen Schlaganfällen Anfang der neunziger Jahre geriet er immer mehr in Vergessenheit. Erst durch die Werkausgabe, die wir seit 2003 herausbrachten und im letzten Jahr abschlossen, und die Verleihung des Lion-Feuchtwanger-Preises und die Würdigungen anlässlich seines achtzigsten Geburtstages hat sich dies wieder ein bisschen verändert.

Was ist das Besondere an dem Menschen und Schriftsteller Hilsenrath?

Volker Dittrich: Ich habe Edgar Hilsenrath erst im Frühjahr 2003 persönlich kennengelernt. Er ist ein sehr ruhiger und bescheidener Mensch. Er kann sehr gut zuhören, wenn ihm Menschen ihre Geschichte erzählen, und er ist ein sehr guter Beobachter. Ihm entgeht nichts mit seinen aufmerksamen, wachen Augen, in denen der Schalk blitzt, mit dem er auch heute noch besonders die Frauen, ob jung oder alt, anzieht.

Edgar Hilsenrath erzählt, dass er früher überhaupt keinen Humor hatte. Vielleicht hätten ihn die Erfahrungen im Ghetto zu einem Humoristen gemacht, vermutet er, denn über das Schreckliche könne man seiner Meinung nach nur mit Humor schreiben. Das ist sicherlich eine Überlebensstrategie.

Edgar Hilsenrath liebt die Menschen und wie er einmal sagte, er ist verliebt in die deutsche Sprache. Auch wenn er sich nicht als richtiger Deutscher fühle. Er beschreibt die Menschen und ihr Verhalten sehr genau und liebevoll, aus einer tiefen Humanität heraus, ohne die Menschen zu bewerten oder über sie zu urteilen. Das ist die große Kunst des Schriftstellers Edgar Hilsenrath.

Hilsenrath ist nicht nur Autor, sondern auch aufgrund seiner persönlichen Geschichte ein Zeitzeuge des 20. Jahrhunderts. Ein besonderes Anliegen ist es Ihm, auch vor Schülern zu lesen. Was kann die junge Generation von Ihm lernen?

Volker Dittrich: In dem sie Hilsenrath einfach zuhört, wenn er aus seinem Leben erzählt, und ich aus seinen Büchern lese. Die Schüler lernen, dass in jedem Menschen das Gute wie auch das Böse steckt. Und das die Menschen sich durch Gesetze und Regeln vor sich selbst schützen müssen, damit das Böse nicht überhand nimmt und zum bestimmenden Element einer Gesellschaft werden kann.

Das gilt auch besonders für den bis heute überall bestehenden Rassismus und Antisemitismus. Und die Schüler sollten die große Gelegenheit nutzten einem der letzten Zeitzeugen des Holocaust persönlich Fragen zu stellen.

Mir hat einmal ein Überlebender von Auschwitz bei unserer ersten Begegnung gesagt: „Ich bin nicht von Beruf KZler!“ Auch wenn die drei Jahre, in denen Hilsenrath im Ghetto war und seine Nazi-Lehrer aus seiner Schulzeit tiefe Wunden bei ihm hinterlassen haben, die niemals heilen werden, so sollte man Hilsenrath und besonders sein Werk niemals auf diese Zeit reduzieren. Als er das Ghetto verließ war er 18 Jahre alt. Heute ist er 83.
Edgar Hilsenrath ist ein großer Schriftsteller. Sein Werk, auch wenn es von der Zeit des Holocaust geprägt ist, geht weit über diese Thematik hinaus, spricht grundsätzliche menschliche Themen mit sehr großer Tiefe an, so dass sein Werk Bestand haben wird und schon jetzt zur Weltlitertur gehört.

Er ist nicht nur ein meisterhafter Erzähler, sondern auch ein Satiriker von hohem Rang. Eine Mischung, die in dieser Kombination nur sehr selten zu finden ist. Was macht den besonderen Reiz seiner Geschichten, Romane und Erzählungen aus?

Volker Dittrich: Jeder Roman von Hilsenrath ist anders, auch wenn viele vom gleichen Thema gespeist sind. „Nacht“ ist sehr realistisch erzählt und ist für uns als Leser nur sehr schwer verdaubar. Liest man den Roman ein zweites Mal erkennt man auch dort den typischen Hilsenrath Witz. Als ich Hilsenath das erste Mal neben mir lachen hörte, als ich aus „Nacht“ vorlas, war ich zuerst verwundert, aber dann begriff ich.

„Der Nazi & der Friseur“ oder auch „Fuck America“. Es gibt in diesen Romanen so kurze, knappe Dialoge, auch mit Wiederholungen, die typisch sind für die besondere Sprache von Hilsenrath. Meisterhaft angewendet in den kurzen Satiren seines Bandes „Zibulski oder Antenne im Bauch“.

Oder „Das Märchen vom letzten Gedanken“ wo Hilsenrath auf dem Höhepunkt seiner literarischen Schaffens das Grausamste in den einfachsten Worten erzählt, märchenhaft, dem Leser so die Möglichkeit gibt, das ganze zu verdauen. Dann erzählt er wieder in kurzen, knappen, witzigen Dialogen, die Sitten und Gebräuche der Armenier, beschreibt liebevoll Alltagsszenen, die dem Leser in eine andere Zeit versetzen.

Edgar Hilsenrath und Volker Dittrich bei den Weidener Literaturtagen: „Sie trommelten mit den Fäusten den Takt“. 26. April, 20 Uhr, Buchhandlung Rupprecht. Karten beim NT/AZ-Ticketservice unter Telefon 0961/85-550 und 09621/306-230 sowie online unter www.okticket.de.

Weitere Informationen im Internet: www.weidener-literaturtage.de

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