Von Christian Vogl |
11.07.2008
| Netzcode: 1457541 | 844 Mal gelesen.
Regensburg
Jagdszenen aus der Arbeitswelt
"Die kleine Macht" aufgeführt im Rahmen des Regensburger Gassenfests am 4. Juli 2008
Regensburg. Das Regensburger ueTheater überzeugt mit engagiertem Laienschauspiel zum Thema Arbeitssucht und Mobbing.
Bis dass der Mob euch scheidet: Johannes Fleckenstein, Christina Spohr, Fabian Burkes, Eylem Karatas (v.l.n.r.; Foto: Herbert Baumgärtner)
Das Programmblatt spricht nicht vom Stück "Die kleine Macht" oder vom Autor, sondern von einem sozialen Missstand: Mobbing. Mit Begriffsklärung, Statistiken, Bemerkungen zur Psychopathologie und einer Liste von Beratungsstellen für Betroffene verdeutlicht die Theatergruppe um den Regensburger Regisseur Kurt Raster von Beginn an, worauf es Kunst ankommen soll: Analyse und Lösung von gesellschaftlichen Knoten.
Und Unterhaltung. Sie kommt ebenfalls nicht zu kurz, von Beginn an schmunzeln, kichern und klatschen die Zuschauer/innen der Aufführung im Rahmen des Regensburger Gassenfests am 4. Juli 2008. Sie wohnen einer Trauung bei: die Arbeiter/in Steffi (Christina Spohr) in Blaumann und weißem Schleier wird ihrer neuen Firma, immerhin einer juristische Person, vermählt. Die Verrückung der Zeremonie lässt keinen Zweifel daran, wer hier verrückt ist: nicht die Arbeiterin, nicht die Kolleg/innen, nicht der Vorgesetzte, sondern die Arbeitswelt und ihr (sozialpolitisches) System.
Der "Neuen" schwebt noch ein idealer Arbeitsplatz ohne Schleim und Klüngeln vor, in den sie ihre ganze Person mit Kopf und Händen einbringen will, Freizeit und Privatleben inbegriffen. Als sie jedoch einen chiffrenhaft "Köhler" genannten Vertreter der Chefetage durch hartnäckige Taktik zum Umstrukturieren des Betriebs bringt, stürzt ihre heile Arbeitswelt über ihr zusammen: die direkten Vorgesetzten (Johannes Fleckenstein, Sandra Zollner) maßregeln Steffi, die Kolleg/innen (Fabian Burkes, Eylem Karatas) sitzen zwischen den Stühlen und beweisen lieber Sitzfleisch als Courage, die engagierteste Mitarbeiterin des Betriebs wird wiederholt wegen ihres Übereifers und mangelnden Teamgeists abgemahnt und schließlich entlassen. Zurück bleibt eine ausgesaugte Arbeiter/in.
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Regensburg
Jagdszenen aus der Arbeitswelt
"Die kleine Macht" aufgeführt im Rahmen des Regensburger Gassenfests am 4. Juli 2008
Die Geister, die sie rief, werde sie nicht mehr los: Johannes Fleckenstein, Sandra Zollner (Foto: Herbert Baumgärtner)
Das klingt spröde und anstrengend, ist jedoch durch eine abwechslungsreiche Inszenierung im Gegenteil sehr unterhaltsam aufbereitet worden. Eher zu viele Pointen und stilistische Einfälle versucht Raster auszuspielen, so dass zuweilen der inhaltliche Faden verloren geht; insbesondere die Anspielungen auf die Theatergeschichte, etwa Goethes "Walpurgisnacht", stehen verloren auf der dramaturgischen Linie. Zum Ende hin verblassen dadurch vor allem die handlungstragenden Szenen. Andererseits zieht Raster nicht die Konsequenz, eher ein Varieté-Theater denn ein geschlossenes Stück zu machen.
Die (Laien-)Schauspieler/innen, Studierende der Regensburger Hochschulen, spielen durchweg konzentriert und füllen ihre Rollen plastisch aus. Gewiss, es handelt sich um Laientheater, und wie in jedem Laientheater sind gelegentlich die von der Regie erdachten oder von der Gruppe erarbeiteten Spielweisen nicht den Darsteller/innen und ihren Möglichkeiten gemäß, sondern wurden ausgerichtet auf das umfassendere Vermögen von Berufsschauspielern. Die resultierenden Momente von hölzernem oder gar unfreiwillig komischem Spiel halten sich jedoch in Grenzen, insgesamt kriechen und biegen und räkeln sich die fünf Darsteller/innen, dass es eine Freude ist. Feine choreographische Arrangements binden die Übertreibungen wieder zurück an die durchrationalisierte Arbeitsorganisation. Das ueTheater ist heuer deutlich stabiler formiert als noch vor zwei Jahren, wohl auch bedingt durch die Verkleinerung der Gruppe.
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Regensburg
Jagdszenen aus der Arbeitswelt
"Die kleine Macht" aufgeführt im Rahmen des Regensburger Gassenfests am 4. Juli 2008
Ähnliche Fortschritte verzeichnet Kurt Raster als Stückeschreiber: wie bereits in der Modernisierung von Shakespeares "Maß für Maß" im Frühjahr 2006 zu sehen war, liegt Raster satirische "action" stilistisch näher als der subtil ausgefeilte Dialog. Sehr vorteilhaft wirken sich die Einsprengsel epischen Theaters auf die gedankliche Fundierung dieser "action" aus. Um so bedauerlicher, dass die Hauptfigur Steffi zu positiv gezeichnet ist. Bei aller Sympathie für den guten Willen zur Verbesserung der Arbeitspraxis übersieht Raster, dass er einen Typus von egozentrischem Emporkömmling huldigt, der sich vermeintlich objektiv über die Belange und Gewohnheiten von Betrieb und Kolleg/innen hinweg setzt. Ein wenig Dialektik wäre angemessen gewesen.
Wenn der Vorgesetzte mit gespaltenem Ohr zuhört: Fabian Burkes, Johannes Fleckenstein. (Foto: Herbert Baumgärtner)
Sonderbarerweise erwähnt das ueTheater den eigentlichen thematischen Schwerpunkt nicht im Programmblatt, obwohl dieser die gesamte erste und weite Teile der zweiten Hälfte des knapp zweistündigen Stücks bestimmt: Arbeitssucht. Die Schwierigkeiten im Betrieb sind auch Konsequenzen des Willens zur Perfektion und des Mangels an Kompromissfähigkeit seitens der Protagonistin. Hier spricht sich das ueTheater, zu den explizit geäußerten sozialen Anliegen seltsam quer strebend, beinahe schon für ein jobzentriertes Gesellschaftsbild aus.
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Jagdszenen aus der Arbeitswelt
"Die kleine Macht" aufgeführt im Rahmen des Regensburger Gassenfests am 4. Juli 2008
Vergleichsweise harmlos fällt dagegen die Inszenierung des Mobbings aus. Zwar wird Steffi von ihren direkten Vorgesetzten unzureichend gegen die Anfechtungen aus der Chefetage gestützt, aber dabei bleibt es dann schon. Das Netz des Mobbings ist viel weiter und vor allem gemeiner aufgespannt: direkte und indirekte Beleidigung, physische Beeinträchtigung, Verleumdung, soziale Isolierung, Vernichtung von Arbeitsmittel und Arbeitsergebnissen. All das kommt in der "Kleinen Macht" nicht vor. Die Mobbingfalle wird reduziert zur Störung der freien Entfaltung.
Unterm Strich bietet das ueTheater also eine mangelhafte Erörterung des sozialen Problems Mobbing, dafür aber eine amüsante Satire über Ziele und Zwänge der Betriebsoptimierung.
Der Buckel krumm, die Beine lahm, die Aktien auf dem Allzeithoch: Steffi (Christina Spohr) im Abseits. (Foto: Herbert Baumgärtner)
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Neues Stück des Regensburger ueTheaters: politisch brisant, regional engagiert
Die Volksschul-Lehrerin Elly Maldaque war 1930 eines der ersten Regensburger Opfer des beginnenden nationalsozialistischen Terrors. Ihr Schicksal und insbesondere ihr Tod in der Irrenanstalt Karthaus-Prüll bewegt seither immer wieder die Gemüter der Politiktreibenden und der Kulturschaffenden. [Aufführungen: 1. - 5. November 2006 im Theater an der Universität] mehr...
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