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Von Michael Zeißner  |  16.10.2007  | Netzcode: 1137880  |  265 Mal gelesen.
Schwandorf

Hochintellektuelle Rapperin

Anja Utler liest aus "münden - entzüngeln" und "brinnen" in der Schwandorfer Kebbel-Villa

Schwandorf. Die Suche nach dem Schöngeistig-Erhabenen war vergebens, das Ankommen in der Lyrik der Gegenwart ernüchternd. Faszinierend ernüchternd, wenn zeitgeistliche Poetik als legitime Nachfolge einer Sichtweise von Dichtung akzeptiert wird, die nicht mehr von einem genialisch-romantisierenden Rezipieren geprägt ist.

Das gedruckte und das rezitierte Gedicht, das
Das gedruckte und das rezitierte Gedicht, das gelesene und das gehörte Gedicht, stehen in der Gegenwartslyrik für Anja Utler gleichberechtigt nebeneinander. Bild: Götz
Das verlangt einem Publikum viel ab. Sehr viel, wenn die Lyrikerin Anja Utler in ihrer Heimatstadt Schwandorf liest.

Ihr Bekenntnis zur Oberpfalz, semiotisch umgesetzt in Begriffe von Kohle, Wasser und dem stets fragenden Blickwinkel "aus einer Randlage heraus", kommt noch sehr wohlwollend an. Doch da plauderte die zierliche Frau im Oberpfälzer Künstlerhaus in der Kebbel-Villa noch unvergleichlich unbefangen, fast schon nett über ihr Dichten, bevor sie ihre Kunst sich den Weg bahnen ließ.

Anja Utler ist nicht nur eine inzwischen oft und hochkarätig preisbedachte Repräsentantin der deutschsprachigen Gegenwartslyrik, sie kann ihr Werk auch ausgezeichnet rezitieren. Sie las aus "münden - entzüngeln" (2004) und "brinnen" (2006). Doch lesen heißt für sie hören, rezitieren heißt inszenieren, dichten heißt komponieren. Die Grenzen der Genres sind aufgelöst. Ein Begriff kann gleichberechtigt Wort und Text sein, Laut und Klang. Eine Metapher kann bildlicher Transporteur oder transportiertes Bild sein, poetische Stringenz ist Grammatik und Semiotik zugleich.

Eine hochintellektuelle Rapperin präsentiert sich da. Und was sich als Fetzen eines Wortsinns aus diesem Singsang erhaschen lässt, fetzt als sinnliche Wahrnehmung klanglich schon wieder dahin. Zeit scheint nur noch Augenblick zu sein. "Ich erzähle keine Geschichten" sagt Anja Utler. Abstrahiert, seziert das Erzählen, ihr Rezitieren jedoch fast bis zum Exzess, um ihm auf den Grund zu gehen.

Selbst auf die Gefahr hin, den Text gebundenen Sinn zu opfern. Spätestens seit "brinnen" nimmt das Züge der Simultanität an. Der parallelen Gleichzeitigkeit von Lesen per Tonträger und realer Autorenlesung. Anja Utler erhebt damit die konservierte Form ihrer Kunst zur gleichberechtigten Daseinsform wie die augenblickliche der Rezitation und ebnet, bahnt einer neuen Wirklichkeit ihrer Kunst, ihrer Lyrik den Weg. Und als dritter Dimension lässt sie selbst noch der Tradition eine Chance: dem Gedichtband in Buchform. Dem bibliophilen Leser ist das sicher die liebste Form von Lyrik, eine Lesung von Anja Utler die faszinierendere.


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