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Von (mte)  |  14.06.2007  | Netzcode: 11025452  |  197 Mal gelesen.
Weiden

Der etwas andere Erntehelfer

Rainer Gössl ließ 26 Jahre lang Hanffarmen, Dealer und "Giftler" auffliegen - Nun wartet Pension

Weiden. (mte) Ohne eine Kiste hätte es Kriminalhauptkommissar Rainer Gössl am Dienstag nicht "derschleppt". Denn an seinem endgültig letzten Tag als Polizist gab er neben Dienstausweis, Kripomarke - im Kollegenjargon "Hundemarke" genannt - und Pfefferspray auch Uniform, Schlagstock und seine Waffe ab. Was das nach 41 Jahren Dienstzeit bedeutet, erzählt der dienstälteste Drogenfahnder in Weiden im Gespräch mit unserer Zeitung.

Wie fühlen Sie sich nun ganz ohne Dienstausweis und Waffe?

Rainer Gössl: Plötzlich geht alles so hopp auf hopp. Es war eine schöne Dienstzeit. Da betrachtet man die Zeit danach auch mit einem weinenden Auge.

Ihr "Klientel" dagegen, Drogensüchtige wie Dealer, wird nicht unbedingt um Sie trauern, oder?

Naja. Ich habe schon viele auffliegen lassen. So einiges ist super gelaufen.

Zum Beispiel?

Gössl: Mit dem Landeskriminalamt zusammen hatten wir mal einen Tschechen mit zwei Kilogramm Heroin überführt. Kiloweise Amphetamine konnten wir während meiner fast 26 Jahre in diesem Fachkommissariat außerdem sicherstellen. Bei dutzenden Hanffarmen griffen wir als unwillkommene Erntehelfer ein. Auf wahnsinnig viele, teils echt originelle Drogenverstecke sind wir gekommen ...

Also stimmt es: Die Szene atmet auf, dass Sie Ihren Schreibtisch räumen?

Gössl: Teils, teils. Einige werden sicher auch traurig sein.

Ernsthaft?

Gössl: Ich meine die Rauschgifttäter, die sich von mir helfen ließen, denen ich einen Therapieplatz vermittelt habe, denen ich meine Handynummer gab.

Ihre private Nummer?

Gössl: Genau. Ich war Tag und Nacht erreichbar.

Wie fand das Ihre Ehefrau?

Gössl: Sie ist sehr verständnisvoll. Wissen Sie, wir sind seit 38 Jahren verheiratet. Sie kennt das.

Was genau kennt Sie?

Gössl: Dass nachts das Telefon klingelt, jemand Hilfe sucht oder auch mal Drohungen in den Hörer brüllt.

Wie reagieren Sie dann?

Gössl: Ich lege auf. Fertig.

Nun sind Sie pensioniert. Da müssen Sie oft einfach auflegen.

Gössl (lacht): Ich glaube, ich werde mein Handy stilllegen lassen.

Sie sprachen auch von Drohungen. Das klingt gefährlich. Gerieten Sie in Ihrer Dienstzeit oft in brenzlige Situationen?

Gössl: Keine Frage. Das ist ein gefährlicher Job. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als einer mit dem Messer auf mich losging. Zum Glück ist nichts Schlimmes passiert. Als ich noch als verdeckter Ermittler unterwegs war, hatte ich oft mehr Angst.

Sie haben sich in die Szene eingeschleust?

Gössl: Genau. Damals noch mit Vollbart. Ja, ja. Sah etwas wüst aus. Aber Sie müssen sich anpassen. Wenn wir dann Wohnungen gestürmt haben, hatte ich immer Angst, was hinter der Tür auf uns wartet. Das sind ja Süchtige, die sich oft gar nicht mehr unter Kontrolle haben. Oft sind es auch Opfer, sie alle wollen "in" sein, machen nur mit, um nicht außen vor zu bleiben.

Halfen Sie deshalb jedem, der es wollte, aus dem Drogensumpf heraus?

Gössl: Auch. Außerdem müssen Sie versuchen, jeden, den Sie ertappen, zum Informanten zu machen. Nur so gelangen Sie an die Hintermänner. Das habe ich auch meinem Nachfolger mitgegeben.

Das Scheiden fällt Ihnen wahrlich nicht leicht, oder?

Gössl: Klar. Rauschgift hat mir schon immer Spaß gemacht. Im übertragenen Sinn versteht sich. Aber meine Tochter kümmert sich ja weiter.

Ihre Tochter? Inwiefern?

Gössl: Alexandra ist Hundeführerin. Ihr Vierbeiner spürt unter anderem Rauschgift auf.

Trotz so geballtem familiären Einsatz im Kampf gegen Drogen ist die Gefahr in Weiden nicht gebannt. Erst kürzlich gab es den drittenDrogentoten in diesem Jahr. Welches Gift liegt derzeit im Trend?

Gössl: Eindeutig Heroin und Chrystal Speed. Das ist auch das Stärkste, was derzeit am Markt ist. LSD dagegen ist in Weiden völlig out. Haschisch und Marihuana lassen sich als Klassiker und typische Einstiegsdrogen nicht verdrängen.

Hand aufs Herz: Haben Sie niemals einen Joint geraucht?

Gössl: Ich habe eben probiert. Letztlich aber blieb ich lieber bei Zigaretten. Heutzutage ist ein Joint sowieso nicht mehr das, was er mal war.

Wie meinen Sie das?

Gössl : Früher hatte er einen THC-Gehalt um die zwei Prozent.

THC steht wofür?

Gössl: Für Tetrahydrocannabinol, der Wirkstoffgehalt eines Joints. Wie gesagt: Früher lag dieser bei zwei Prozent. Heute rangiert der Wert um die 25 Prozent. Die Konsumenten wissen natürlich um die starke Wirkung. Die ältere Generation aber denkt noch immer, ein Joint sei nur ein Kavaliersdelikt. Tatsächlich aber ist es die Einstiegsdroge schlechthin. Also: Finger weg.

Wie sieht Ihr Leben "nach den Drogen" aus?

Gössl: Erst lasse ich mich in einer Klinik in Heidelberg ein wenig aufpäppeln. Meinen Lungen geht es nicht so gut. Dann will ich mich meinen Hobbys, Fischen und meinem Garten zuhause in Luhe, widmen.


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