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Von Christian Vogl  |  04.06.2008  | Netzcode: 1402971  |  785 Mal gelesen.

Schweinchen Schöns Reise ins Ich

Mark Palansky inszeniert einen weiblichen Selbstfindungsweg als Märchen in der Gegenwart. Zu halbherzig und zu naiv.

Penelope. USA 2006. Regie: Marc Palansky. Buch: Leslie Caveny. Kamera: Michel Amathieu. Schnitt: Jon Gregory. Mit Christina Ricci, James McAvoy, Catherine O'Hara, Reese Witherspoon

Poster zu Film Penelope
Das Märchen von der verwunschenen "Penelope" und ihrer Schweineschnauze steht vom ersten Blick auf ihr Gesicht auf verlorenem Posten. Heutzutage zumindest: das Abendland hat inzwischen alle erfundenen Häss- und Grässlichkeiten domestiziert und in ein Terrarium, Pardon, einen Fernsehapparat gesperrt. Sie können uns nichts mehr anhaben, schon gar nicht wenn wir sie kaufen "wie gesehen", ohne sie durch Imaginationstätigkeit zu übersteigern. Dazu aber müssen wir sehr lang über sie nachdenken, von der gerade auf die Mattscheibe oder auch die Leinwand projizierten zufälligen Erscheinung abstrahieren.

Wollen wir aber nachdenken über einen Plot, in dem ein Mädchen namens Penelope wegen eines alten Familienfluches missgebildet geboren wird und die körperliche Entstellung märchengerecht durch die Liebe geheilt werden soll? In dem die Familie dann der geschlechtsreif gewordenen Penelope einen Bräutigam per Partneragentur besorgen will, durch doppelt blinde Dates mit dem Ziel, die Missbildung so lang wie möglich vor den Hochzeits-Aspiranten geheim zu halten? Was ebenso zwangsläufig schief gehen muss wie Penelope die schuldhaften Verkuppelungsversuche als Überbehüten durch die Eltern erfahren und sich deshalb distanzieren muss und schließlich aus ihrem Spielzeug-Käfig ausbricht. Dieser ist übrigens liebevoll ausgestattet in Manier von Tim Burtons Filmen und wird sehr stimmungsvoll in die Schrägen und Winkel betonenden Bildern aufgenommen unter der Kameraleitung von Michel Amathieu, bekannt vor allem durch Emir Kusturicas "Das Leben ist ein Wunder".

Auch Penelopes Leben ist ein kleines Wunder und sie treibt durch den Film als "Hanna im Medienglück", als Monster von der Boulevardpresse gejagt und als "schönes Biest" von ihr gehypet. Und immer ist sie das hässliche Entlein, dem der Schwan eingeschrieben ist - leider.

Bild zu Film Penelope
Schnauze auf der Flucht: Christina Ricci
Wenn Christina Ricci in dieser Rolle nicht aggressiver zur Hässlichkeit entstellt wurde, ist das dem vom Beginn an aufs Happy End und aufs Schlussmoralisieren gerichteten Erzählgestus geschuldet, redundante Voice-Over-Kommentare inbegriffen. Wäre Penelope tatsächlich als die verwachsene Kreatur gezeigt, die alle Menschen erschrecken lässt und eine multimediale "urban legend" begründen kann, würden ihr die Zuschauersympathien nicht zufliegen. Die innere Schönheit könnte alleine nie und nimmer den Anspruch auf geschlechtliche Liebe tragen, der altmodisch auf Identifikation statt auf Reflexion angelegten Geschichte könnten wir dann nicht folgen. Eine zugunsten der Identifikationsmöglichkeit zu zaghaft auf Monster geschminkte Penelope macht nun allerdings das ganze Versteckspiel im Rahmen der Brautschau arg kokett, zu nahe liegt nun die ganz normale Teenager-Hassliebe dem eigenen Körper gegenüber.

Banal gerieten Palansky und Autorin Leslie Caveny die Elemente der Medienkritik. Kann man zunächst noch spekulieren, dass der Enthüllungsreporter deswegen kleinwüchsig ist, weil er kindliche Eigenschaften verkörpern soll, nimmt man die Schlagzeilen vom angeblichen Monstrum hin als atmosphärengerechte Überzeichnung. Doch das öffentliche Bild des Schweineschnauzen-Mädchens schlägt zu plump ohne jeden Übergang um von der Schreckenslegende zur Sympathieträgerin, mit der man sich Vorteile im Wahlkampf verschafft. Die Extreme berühren sich, schon wahr. Aber wo die Schlagzeilen noch dicker sind als jene der BILD und die Politiker noch schleimiger als "Modern Talking", bleibt kein Witz mehr haften. Eine Erkenntnis schon zweimal nicht.

Von Onkeln und Großmüttern gehaltene Märchenstunden sollen angeblich einmal Höhepunkte einer Kindheit gewesen sein. Die kindliche Vorstellungskraft baute, sagt man, um derbe Charakterisierungen und knappe Handlungsbögen fantastische Landschaften, die einsam brütend an lichtarmen Abenden erkundet wurden. Das ist, wo von tiefen Eindrücken die Rede ist und nicht vom alltäglichen Tagträumen und Rollenspielen der Kinder, wahrscheinlich eine Projektion der Erwachsenen, die sich schmeicheln, neben dem sonst rauen Umgang doch noch einen ideellen Draht zum Nachwuchs zu haben, wo dieser einfach gerade unpässlich ist. Einmal in einer Regennacht im Haus der Großeltern die herumziehende "Howagoaß" zu fürchten, macht uns noch nicht zu ewig vom Fantastischen Gejagten.

Was uns jagt, von Kindheit an und ohne Unterlass, ist der unser Umgang mit uns selbst und mit unseren "Nächsten". Darin folgen wir Mark Palansky und Leslie Caveny noch. Aber nicht darin, dass ein gar nicht schauriges Schauermärchen über eine gar nicht hässliche Hässliche uns irgendwie in diesem oder jenem Umgang helfen könnte.


Penelope. USA 2006. R: Marc Palansky. B: Leslie Caveny. K: Michel Amathieu. S: Jon Gregory. M: Joby Talbot. P: Stone Village Pictures. D: Christina Ricci, James McAvoy, Catherine O'Hara, Reese Witherspoon, Peter Dinklage, Richard E. Grant, Simon Woods, Ronni Ancona, Martin Nigel Davey, Tallulah Evans, Nick Frost u.a.
104 Min. Verleih: Capelight, ab 5.6.08 in den deutschen Kinos.

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