Seitenwechsel im Milieu
Mutmaßlicher NSU-Mordhelfer tauchte im alternativen Milieu ab
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| Bei den Ermittlungen gegen den Neonazi-Terror geht die Serie der Festnahmen weiter. Bild: dpa |
Vor wenigen Tagen noch hatte der 31-Jährige über seinen Anwalt jede Beteiligung an den NSU-Morden bestritten und sein Entsetzen über die Taten kundgetan. Er sei aus der rechtsextremen Szene ausgestiegen und verabscheue deren Treiben, ließ er wissen.
In Düsseldorf scheint das durchaus nachvollziehbar: S. studierte Sozialpädagogik an der Fachhochschule, arbeitete als Berater im sozialen Bereich für gemeinnützige Organisationen und Einrichtungen. Auf Fotos im Internet lächelt er mit Jugendlichen in einem Jugendzentrum um die Wette. Bis zu seiner Festnahme arbeitete er in
einem eher alternativen Milieu mit Homosexuellen.
Es scheint, als hätte S. die Welten gewechselt: Das Logo der Studentenvertretung der FH Düsseldorf, an der S. studierte, ziert ein roter Stern. Das erstgenannte Referat heißt «Antifa». Ob der Milieuwechsel mit Hilfe des Aussteigerprogramms für Rechtsextreme geschah, darüber halten sich die Behörden bedeckt.
Seine Herkunft aus Thüringen hatte Carsten S. in Düsseldorf nicht verschwiegen, seine Vergangenheit anscheinend schon. Dass er Mitglied im berüchtigten Thüringer Heimatschutz war, löst dort, wo man S. in Düsseldorf kennengelernt hat, ungläubiges Staunen aus. Ebenso, dass er NPD-Jugendfunktionär und 1999 und 2000 zeitweise wichtigster Kontaktmann der Zwickauer Terrorzelle gewesen, ihr eine Schusswaffe
zugespielt haben soll.
«Das ist ein toller Mensch, ein super Mitarbeiter», sagt die Leiterin des Jugendzentrums, in dem er acht Stunden die Woche arbeitete. «Ich glaube das erst, wenn ein Richter das bestätigt hat.» Auch bei seinem Haupt-Arbeitgeber, einer Hilfseinrichtung, hört man nur Gutes: «Ein ganz toller Mitarbeiter.»
Ein junger Mann im schwierigen Alter von 18, 19 Jahren sei Carsten S. damals gewesen, hatte sein Kölner Anwalt Jacob Hösl argumentiert. Dass S. auch noch in Nordrhein-Westfalen als logistischer Helfer für die Zwickauer Terroristen gedient haben soll, hielt der Anwalt in der vergangenen Woche im Gespräch mit der dpa für abwegig: «Als hätten die nicht auch allein mit dem Auto durch Deutschland fahren können.»
«Ich bin im Jahre 2000 aus der rechten Szene ausgestiegen. Seitdem habe ich mich davon distanziert und verabscheue jegliche Art von rechtem, rassistischem und extremistischem Gedankengut», hatte Carsten S. über seinen Anwalt mitgeteilt. Nach 2000 habe er keinen Kontakt mehr zur rechten Szene gehabt. Er habe von den Straftaten der Zwickauer Terrorzelle nichts gewusst und sei über deren Aktivitäten
extrem erschrocken.
Zur Frage, ob er das Neonazi-Trio persönlich kannte, schwieg sich S. allerdings aus. «Mehr möchte ich dazu nicht sagen, da ich vor elf Jahren ein neues Leben begonnen habe.» Ins Rheinland zog S. einem Verfassungsschutzbericht zufolge allerdings erst im Jahr 2003. Nicht nur über diese Lücke von immerhin drei Jahren wird er nun den Ermittlern von Bundesanwaltschaft und BKA einige Fragen beantworten sollen.
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