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30.01.2012  | Netzcode: 3123060  |  241 Mal gelesen.

«Erfurter Liste» sorgt für Aufregung

Top-Athleten fürchten um Ruf - Blutdoping bei rund 30 Sportlern

Bild zu «Erfurter Liste» sorgt für Aufregung
Die Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA) hat inzwischen weitere Akteneinsicht im Fall Franke - er war von 2006 bis 2011 Vertragsarzt am Olympiastützpunkt (OSP) Erfurt - von der Staatsanwaltschaft Erfurt erhalten. Damit ist für die Bonner Agentur die Voraussetzung geschaffen, um auf sportgerichtlicher Ebene weitere Verfahren auf den Weg zu bringen. Bild: dpa
Berlin/Bonn. (dpa) Die Blutdoping-Affäre um den Erfurter Sportmediziner Andreas Franke wird für den deutschen Leistungssport immer bedrohlicher. Die Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA) hat angekündigt, in 28 weiteren Fällen die Einleitung sportgerichtlicher Verfahren zu prüfen, zahlreiche prominente Top-Athleten fürchten um ihren Ruf. Gegen die Eisschnellläuferin Judith Hesse und Radfahrer Jakob Steigmiller sollen laut ARD-Recherchen bereits Verfahren vor der Deutschen Institution für Schiedsgerichtsbarkeit (DIS) laufen.

«Selbstverständlich prüfen wir mit aller Gewissenhaftigkeit in jedem einzelnen Fall die mögliche Anwendung verbotener Methoden, ganz gleich, ob es sich dabei um Olympiasieger oder Nachwuchssportler handelt», erklärte die NADA-Vorstandsvorsitzende Andrea Gotzmann am Montag. Sportarzt Franke soll in seinen Praxisräumen das Blut von Athleten einer UV-Behandlung unterzogen haben - angeblich, um Infekten vorzubeugen. Die Erfurter Staatsanwaltschaft sieht darin allerdings einen «Anfangsverdacht der unerlaubten Anwendung von Arzneimitteln bei anderen zu Dopingzwecken».

Von den Stars, die laut eines ARD-Berichts in der Sportschau (Sonntag) auf der «Erfurter Liste» stehen sollen, wollte sich keiner direkt dazu äußern. Auch der Erfurter Olympiasieger Nils Schumann nicht. «Ich halte das Ganze für Humbug», sagte der 33-Jährige der dpa. «Wenn sich Jahre nach meiner Sportlerkarriere irgendwelche Dopingstatuten verändern, dann kann und will ich das aus heutiger Sicht nicht weiter bewerten. Ich selbst habe niemals verbotene oder auch fragwürdige Behandlungsmethoden genossen und distanziere mich davon ausdrücklich», erklärte der Thüringer Leichtathlet, der 2000 in Sydney überraschend Gold über 800 Meter gewonnen hatte.

Bernd Neudert, Leiter des Olympiastützpunktes Thüringen, erklärte der dpa, dass er bereits 2007 in einem Brief an die NADA «haarklein» über die UV-Bluttherapie von Franke berichtet und um eine Stellungnahme gebeten habe, ob diese Methode zulässig ist. «Ich habe bis heute keine Antwort erhalten - auch auf Nachfragen nicht», behauptete Neudert.

NADA-Sprecher Berthold Mertes widersprach dem, bestätigte den Eingang der Neudert-Mail vom 4. Juni 2007 um 15.57 Uhr und berichtete, dass die Antwort bereits 40 Minuten später erfolgt sei. In der Antwort habe die NADA darauf hingewiesen, «sich immer strikt gegen eine Eigenblutbehandlung ausgesprochen» zu haben.

Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein, die laut ARD ebenfalls zu Frankes Patienten gehören soll, ließ über ihr Management verlauten: «Wie ja bereits bekannt ist, bin ich weder Betroffene der staatsanwaltlichen Ermittlungen noch der daraus resultierenden Verfahren der NADA. Von daher bitte ich um Verständnis, dass ich mich im Rahmen von Verfahren, die sich zum Teil gegen eine meiner Teamkolleginnen richten, nicht äußern werde.» Die 39 Jahre alte Berlinerin bekräftige erneut, in ihrer Karriere «niemals zu unerlaubten Mitteln oder Methoden» gegriffen zu haben.

Gegen ihre Teamgefährtin Hesse soll ein Disziplinarverfahren der NADA wegen möglicher Blutbehandlungen durch Franke laufen, so die ARD. Hesse wollte sich bei der Sprint-WM in Calgary gegenüber dpa nicht dazu äußern. Cheftrainer Markus Eicher nahm die Erfurterin in Schutz: «Ich bin sicher, dass sie keine Schuld hat. Nach allem, was ich aus Informationen von unserem Mannschaftsarzt weiß, war das ein Fehler des Erfurter Sportmediziners und nicht von der Sportlerin.»

Auf der Liste soll auch Radprofi Marcel Kittel stehen. «Der Arzt war im Thüringer Olympiastützpunkt tätig, und deshalb waren auch Radprofis dort in Behandlung, wenn sie krank waren», sagte Kittels Manager Jörg Werner, der auch Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin und Nachwuchs-Sprinter John Degenkolb betreut. «Keiner von den Dreien wurde in dieser Angelegenheit von der Staatsanwaltschaft Erfurt als Zeuge befragt, gegen sie ermittelt wird erst recht nicht.» Werner, gleichzeitig auch Manager von Steigmillers Team, bestätigte zudem, dass Steigmiller vor Staatsanwaltschaft und NADA aussagen musste.

Die Behörden in Erfurt ermitteln seit Frühjahr 2011 gegen Franke wegen des Verdachts, zu Dopingzwecken gegen das Arzneimittelgesetz verstoßen zu haben. Nach dem Code der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) ist Athleten jede Manipulation oder Transfusion ihres Blutes verboten. Franke selbst behauptet jedoch, seine Methode sei als präventive Infektbehandlung zulässig. Die leistungsfördernden Auswirkungen der UV-Behandlung gelten als umstritten. Der Leiter des Dopingkontrolllabors in Kreischa, Detlef Thieme, sieht darin kein wirksames Dopingmittel. «Das ist mehr im Bereich des medizinischen Okkultismus angesiedelt», sagte Thieme dem Rundfunksender «MDR Info».

Die NADA hat inzwischen weitere Akteneinsicht im Fall Franke erhalten, der von 2006 bis 2011 Vertragsarzt am Olympiastützpunkt (OSP) Thüringen in Erfurt war. «Wir erhoffen uns aus den neuen Unterlagen weitere Anhaltspunkte, um entscheiden zu können, bei welchen Sportlern wir weiter vorgehen», sagte Andrea Gotzmann.

Vorwürfe, seit Jahren von den mutmaßlichen Verstößen gewusst und nichts unternommen zu haben, weist die NADA zurück. Seit Aufnahme der behördlichen Ermittlungen Ende November 2009 arbeite sie mit den staatlichen Behörden zusammen, heißt es in der Mitteilung. Seit der Hausdurchsuchung in der Praxis des Arztes im April 2011 «treibt die NADA die Aufklärung möglicher Dopingverstöße in diesem Zusammenhang so intensiv und schnell voran, wie es ihr juristisch möglich ist».

Die SPD-Politikerin Dagmar Freitag forderte für Mediziner den Entzug der Approbation bei Beihilfe zum Doping. «Das wäre ein scharfes Schwert, wenn einem Arzt dafür die berufliche Grundlage entzogen würde», sagte die Vorsitzende des Bundestags- Sportausschusses am Montag. Freitag kündigte an, die Doping-Affäre am 21. März auf die Tagesordnung des Gremiums zu setzen.

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