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Von Frank Stüdemann  |  11.02.2006  | Netzcode: 50827558  |  1979 Mal gelesen.

Interview mit Toto-Sänger Bobby Kimball: Kein Platz für Ego-Trips

Fans und Skeptiker sollten reinhören: Neues Album "Falling In Between" ist jetzt in den Läden

Bands wie Toto, deren letzte große Hits über 20 Jahre zurückliegen, haben es schwer, sich jenseits ihrer (wenn auch großen) Fangemeinde Aufmerksamkeit zu verschaffen. Zumal, wenn sie von Kritikern in schöner Regelmäßigkeit an die Wand geklatscht werden.

Bobby Kimball
Die Stimme von Toto: Bobby Kimball. (Alle Bilder: Frontiers Records)
Aber: Die Mannen von Toto, längst vom Plattenmulti Sony getrennt und beim Indie-Label Frontiers daheim, beweisen wenigstens mit neuen Alben und regelmäßigen Tourneen, dass sie noch eine lebendige Band sind - die Eagles beispielsweise ruhen dagegen sanft auf dem Polster früherer Erfolge und haben seit Jahrzehnten kaum neues Material aufgenommen. Wir lernen: Die Musik-Welt kann ungerecht sein.

Aber genug gejammert: "Falling In Between" heißt das mittlerweile zwölfte Toto-Studioalbum, das seit vergangener Woche im Handel ist. Verglichen mit den letzten Werken haben die Kalifornier in Sachen Spiel- und Experimentierfreude gehörig zugelegt und zehn abwechslungsreiche Tracks aufgenommen, die ihre Verehrer begeistern und Skeptiker überzeugen könnten. Wer bei Rockmusik indes auf die derzeit gängige, magere Rohkost steht, wird sich allerdings an Toto nach wie vor den Magen verderben: Hier wird üppig gekocht, fett und kalorienreich.

FIBcover
Das neue Album 'Falling In Between'.
Besonders erfrischend im Geschmacksspektrum ist der Neuzugang Greg Phillinganes als Keyboarder und Sänger: Er war schon auf vergangenen Tourneen für Gründungsmitglied David Paich eingesprungen. Jetzt macht der Tastenkünstler, der schon für Stevie Wonder und Eric Clapton gespielt hat, Toto (wieder) zum groovenden Sextett. Ebenfalls auf dem neuen Album zu Gast: Jethro-Tull-Chef Ian Anderson sowie die früheren Toto-Mitglieder Steve Porcaro (Keyboards) und Joseph Williams (Gesang auf der Single "Bottom Of Your Soul")

Lead-Sänger ist jedoch nach wie vor Bobby Kimball: Der 58-Jährige prägte Hits wie "Hold The Line" und formt mit den typischen Gitarrenklängen von Stever Lukather und Mike Porcaros charakteristischen Bassläufen das Markenzeichen der Band. Wir stellten ihm aus Anlass der Veröffentlichung des neuen Albums einige Fragen:


Diskographie


Toto (Sony, 1978)

Hydra (Sony 1979)

Turn Back (Sony, 1981)

IV (mit den Hits Africa und Rosanna, Sony, 1982)

Isolation (mit Fergie Frederiksen als Sänger, Sony, 1984)

Dune (Original Soundtrack zum Film von David Lynch, Polydor, 1984)

Fahrenheit (mit Joseph Williams als Sänger, Sony, 1986)

The Seventh One (das zweite mit Joe Williams, Sony, 1988)

Past To Present (Best-Of-Album mit drei neuen Songs, Sony, 1990)

Kingdom Of Desire (das letzte Album mit Jeff Porcaro am Schlagzeug, Sony, 1992)

Absolutely Live (das erste Live-Album, Sony, 1993)

Tambu (Sony, 1995)

XX (unveröffentlichte Aufnahmen und Live-Takes, Sony, 1998

Mindfields (wieder mit Bobby Kimball als Sänger, Sony, 1999)

Livefields (Live-Album, Sony, 1999)

Through The Looking Glass (Cover-Versionen, EMI, 2003)

Live In Amsterdam (Live-Album zum 25. Jubiläum, Eagle Records, 2003)

Falling In Between (Frontiers, 2006).
(üd)

Wenn man das neue Album "Falling In Between" so anhört, dann meint man wirklich zu hören, wie viel Spaß ihr bei den Aufnahmen im Studio hattet. Was war der Unterschied zu den Aufnahmen zu früheren Alben, etwa "Mindfields", das 1999 deine Rückkehr zu Toto war?



Bei "Mindfields" kamen wir ins Studio und hatten bereits fertige Songs dabei, die wir dann aufgenommen haben. Bei "Falling In Between" hatten rein gar nichts vorbereitet. Wir sind einfach jeden Tag zusammen gewesen und haben so lange gejammt, bis wir irgendwas auf ProTools (Anm. d. Red.: Software zum Aufnehmen und Mischen von Musik) hatten, das man als Strophe und Refrain bezeichnen konnte.

Wir haben also alles digital auf getrennten Spuren aufgezeichnet und dann am PC per "Cut & Paste" zusammengesetzt, bis man das Ergebnis als Song-Basis nehmen konnte. Dann musste jeder seinen Part auf klassische Art und Weise lernen, wobei es ziemlich schwer ist, etwas exakt zu wiederholen, was man vorher in der Hitze des Gefechts geschaffen hat - auf dem Höhepunkt der Improvisation sozusagen.

Also muss ich den Jungs wirklich gratulieren, dass sie tatsächlich diese spontane Energie auch für die endgültigen Aufnahmen reproduzieren konnten. Das war der Haupt-Unterschied zu früheren Aufnahmen, und das ist es auch, was die neue CD zu einem unglaublich einmaligen Album macht.

Auf eurer Website und im Pressetext zum neuen Album wird sehr betont, dass es ein echtes Gemeinschaftsprodukt aller sechs Musiker sei. Heißt das im Umkehrschluss, dass es früher nicht so war, und dass euch eure eigenen Egos manchmal im Weg waren?



So lange es einen "demokratischen Prozess" in einer Band gibt, geraten die Egos immer irgendwie in den Weg. Es geht immer um die Möglichkeiten, die man zur Auswahl hat, um die Stärke der Meinungen innerhalb der Band. Ich persönlich begrüße das, denn aus diesen Entscheidungsprozessen kommen als Resultat immer eine Menge großartige Ideen heraus. Wir sind als Musiker gereift, aber noch mehr als Menschen und Freunde. Wir versuchen, alle unsere Entscheidungen per Mehrheitsentschluss zu treffen, aber manchmal überlassen wir sie auch einfach demjenigen, der für den betreffenden Job am besten geeignet ist.

Steve Lukather
Steve Lukather.
Deshalb ist Simon Philips zum Beispiel nicht nur Schlagzeuger, sondern auch der Toningenieur unserer Alben. Wir haben einen großen Respekt vor seinen Fähigkeiten hinter dem Studio-Mischpult. Weil er einfach weiß, wie man den Sound nehmen und besser machen kann, klingt Toto im Studio ganz anders als etwa auf der Live-Bühne. Wir versuchen, unsere Egos an der Tür abzugeben, wenn wir im Studio sind, denn das Ganze macht viel zu viel Spaß als dass wir es mit Egomanie verderben wollen.

Ihr steuert auf euer 30-jähriges Bandjubiläum zu. Auch wenn du nicht die ganze Zeit dabei warst: Kannst du sagen, wie man es als Band schafft, so lange zusammenzubleiben?



Wie gesagt, das hat viel damit zu tun, dass wir mit der Zeit gelernt haben, miteinander besser umzugehen, besonders mit den kleinen Schrulligkeiten, die ja jeder so hat. Wenn jemand eine besondere Macke hat, dann gewöhnt man sich dran, und meistens lachen wir am Ende ohnehin darüber. Jeder hat eben seine schrägen Eigenarten ...

David Paich
David Paich.

Wachst du gerade auf Tour manchmal morgens auf uns denkst "verdammt, jetzt muss ich zur Arbeit?", oder ist es für dich eher so, als ob du ein Hobby zum Beruf gemacht hast?



Ich bin permanent auf den "Job" konzentriert, wenn man so will, denn ich trage als Sänger ein Instrument mit mir herum, das man weder stimmen, mit frischen Saiten beziehen oder einfach so reparieren kann. Ich muss auf meine Gesundheit achten, und zwar spätestens von dem Moment an, an dem die Tour beginnt bis zum Ende. Es ist eine sehr disziplinierte Routine, die ich mir auferlege, wenn wir da draußen sind.

Ich ziehe sonst gerne mit den Anderen los und feiere, aber das geht dann einfach nicht, weil ich zu viel Respekt vor der Band habe. Ich kann sie nicht in die unangenehme Situation bringen, mit jemandem auf der Bühne sein zu müssen, der nicht singen kann. Ich tue immer mein Bestes, damit ich auf der Bühne mein Bestes geben kann. Es ist also wirklich ein Job für mich, wenn wir auf Tour sind, denn eine Tour ist eine der härtesten und schwierigsten Sachen für mich. Ich nehme das sehr ernst.

Mike Porcaro
Mike Porcaro.

Die traurige Wahrheit ist ja, dass sehr wahrscheinlich niemand Toto im Jahr 2006 unter Vertrag nehmen würde, wenn ihr Newcomer wäret. Könntest du einer jungen Rockband Hoffnung machen, dass sie heutzutage den Durchbruch schaffen kann, selbst wenn sie ähnlich wie ihr klingt?



Ich danke dem Himmel jeden Tag dafür, dass wir bereits eine fast 30-jährige Geschichte haben. Das ist das größte und beste Sprungbrett dafür, dass wir weitermachen können. Ich würde es wirklich hassen, in der heutigen Musikindustrie ein Newcomer zu sein, denn die "big bucks days" sind vorbei, in denen Plattenfirmen es sich leisten konnten, vollkommen unbekannten Bands einen Haufen Geld als Budget zu geben. Heute müssen die ihre Karten ein bisschen verdeckter halten, damit ihnen keiner reinschaut. Und wenn du heutzutage neu bist, dann kommst du in dieser Industrie nicht mehr so schnell zu Geld.

Die meisten aufsteigenden Künstler werden von den großen Labels höchstens für ein paar Jahre gepflegt, denn der Markt interessiert sich heute nur noch für den "flavour of the day", den aktuellen Geschmack. Natürlich würde ich den jungen Künstlern raten, die Hoffnung nicht aufzugeben, denn je weniger du alles vom Geld abhängig machst, desto größer ist die Chance, dass du eine Karriere vor dir hast, die dich zufrieden macht. Optimal läuft es natürlich, wenn du tolle Musik machst, in die du dich verliebst, dann kommt noch das Geld dazu - und du hast gewonnen. Aber falls das nicht klappt, machst du wenigstens immer noch etwas, das du liebst.

Simon Phillips
Simon Phillips.

Für die meisten eurer Fans bietet das Internet die einzige Chance, sich über Toto zu informieren. Wenn also das Web gerade für Bands jenseits von "Top Of The Pops" so wichtig ist, könnte es auch die Art ändern, wie ihr in Zukunft eure Musik veröffentlicht: Song für Song auf der Website statt im Dutzend auf einem Album?



Wir haben sogar eine noch bessere Lösung: Sie nennt sich "The Toto Network" und wird im April gestartet, eine Art Abo-Dienst im Internet, bei dem es nur um Toto geht. Man kann es über den PC nutzen, aber auch über das Handy, kann täglich neue Filmclips anschauen, die zeigen, was wir so treiben. Es wird mehr Funktionen und Rubriken geben als ich jetzt aufzählen kann, aber es wird Toto-Fans allumfassend versorgen.

Endlich können wir so Sachen veröffentlichen wie "Gitarrenstunden mit Luke", "Ein Nachmittag im Aufnahmestudio mit Simon Phillips", "Rede mit Mike Porcaro über Bass-Kniffe", "Singt mit mir Background Vocals ein" oder "Keyboard-Technik mit Greg Phillinganes, David Paich & Steve Porcaro" - letzteres würde ich persönlich auf jeden Fall anschauen wollen. Wir haben zudem stundelange Filmaufnahmen von den Arbeiten an "Falling In Between", zum Beispiel haben sie an einem Tag gefilmt, als David, Luke und ich den Songtext für "Let It Go" geschrieben haben.

Ich selbst besitze mehrere Stunden Material auf Kassetten, die seit dem ersten Tag von Toto mitgeschnitten wurden: Der erste Tag beim Jammen, Soundcheck-Tapes von der ersten Tour, die ersten Band-Proben und viele andere Sachen, die für mich unbezahlbar und wertvoll sind. In diesem Online-Netzwerk können also die Fans all die Antworten finden, wie die Band Toto entstanden ist und warum wir immer noch da sind und mit Herzblut spielen.

Greg Phillinganes
Greg Phillinganes.

Sollte alles mal den Bach runter gehen, könnten "Africa", "Hold The Line" und "Rosanna" ausreichen, dass wenigstens einige von euch ihre Miete weiter zahlen können?



Ich nehme mal an, dass das klappen würde - wenn wir Miete zahlen würden. Aber ich mache noch etliche andere Sachen im Bereich der finanziellen Vorsorge, also werde ich nicht von diesen drei Songs abhängig sein, um nicht unterzugehen. Ich arbeite mit drei anderen Firmen zusammen und investiere in diverse Anlagemöglichkeiten, damit ich leicht über die Runden komme, falls mit der Band etwas Schlimmes passieren sollte. Ich mache diesen Job hauptsächlich, weil ich ihn so liebe, ich mag es, mit den Jungs Musik zu schreiben und so gut zu singen wie ich kann - und diese Kerle akzeptieren nicht weniger als das.

Habt ihr schon mal überlegt, euch in The Toto umzubenennen? Das könnte euch mehr Medienaufmerksamkeit bringen, wo doch diese "The-Bands" derzeit so hip sind ...



Toto1
Die komplette Band.
Ja, mir ist auch aufgefallen, wie gut es für The INXS läuft, seit die das "The" im Namen haben ... war nur Spaß, das sind gute Freunde von uns. Den Namen oder was anderes ändern, das macht den Inhalt nicht besser. Unser Marketing-Slogan bleibt "machen großartige Musik". Ich weiß, das ist so altmodisch, aber es gibt nicht mehr viele Bands, die das machen ... ist wohl eher eigentümlich, denke ich.

Kommendes Jahr feiert ihr das 30-jährige Gründungsjubiläum von Toto: Kannst Du schon was über eine mögliche Anniversary-Tour oder ein neues Album sagen? Ein Box-Set vielleicht? Oder vielleicht bringt ihr Sony ja endlich dazu, die alten Toto-Alben zu remastern?



Also ich kann dir nur sagen, was ich gerne hätte: Ich würde Steve Porcaro, unseren ehemaligen Sänger Joseph Williams, David Paich, Perkussionist Lenny Castro und eine Menge anderer Musiker, mit denen wir mal gespielt oder aufgenommen haben, einladen, mit uns auf eine kurze Tour zu gehen - vielleicht 10 bis 15 Konzerte. Das würde ich gerne zum 30. Geburtstag der Band machen, damit könnte ich gut leben und ich bin sicher, die meisten unserer Fans wären einverstanden.

Für vorerst zwei Termine (Essen, 10. März, und Frankfurt, 11. März) kommt die Band übrigens demnächst auch für Konzerte nach Deutschland.

Toto2
Toto im Jahr 2006: Kurs auf das 30-jährige Gründungsjubiläum.

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