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Von Rudolf Barrois  |  29.11.2004  | Netzcode: 10646415  |  202 Mal gelesen.

Himmel aus Bronze und Gold

Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle beherbergt sensationelle Funde

Ein neuer Himmel strahlt über Sachsen-Anhalt: Geschmiedet aus Bronze und Gold, wirft er neues Licht über das Land, das politisch scheinbar ohne Geschichte ist und mit 20 Prozent Arbeitslosigkeit als Armenhaus dieser Republik gilt. Gerade mal so groß wie ein Teller, weist die Himmelscheibe von Nebra diesen Teil Mitteldeutschlands als Hort reichen kulturellen Erbes in Europa aus.

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Halle beherrbergt das älteste archäologische Museum in Deutschland. Der Wilhelminische Monumentalbau wurde 1913 nach dreijähriger Bauzeit eingeweiht. (Alle Bilder: Ingrid Popp)
Beherbergt und ins rechte Licht gerückt wird der einmalige Fund im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, das selbst unter den deutschen Ausstellungs-Standorten eine besondere Rolle hat. Einer, der dafür steht, ist der Archäologe Dr. Alfred Reichenberger, den es aus dem oberpfälzischen Schirling (Landkreis Regensburg) nach Halle verschlagen hat. Er macht die Öffentlichkeitsarbeit Öffentlichkeitsarbeit für das Haus, dessen Vorgeschichte zurückreicht ins Jahr 1817.

Gegründet wurde das Museum 1883. Im Jahr 1913 bekam es eine neue Heimat in einem imposanten preußischen Bau, in dessen Atrium eben "Der geschmiedete Himmel" - die Landesausstellung geht bis 24. April 2005 - vom Mittelberg bei Nebra auf einer schwarzen Barke thront. Das Stück erfüllt alle Bedingungen einer archäolgischen Sensation.

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Ungläubiges Erstaunen ergreift die Zuschauer allenthalben, wenn sie im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle vor dem Original der Himmelsscheibe von Nebra stehen. Die 1000 wichtigsten Preziosen aus der europäischen Bronzezeit ergänzen und erklären die sensationelle Bedeutung des 'geschmiedeten Himmels'.
Durch Raubgräber 1999 aus dem Boden gerissen und auf eine skurrile Odyssee bis in die Schweiz geschickt, hat der Fund von Nebra eine Schlüsselrolle für Astronomie und Religionsgeschichte der Bronzezeit. Die Scheibe befindet sie sich in bester Gesellschaft: Die spektakulärsten Funde aus der Zeit ihrer Entstehung vor 3600 Jahren haben neben ihr Platz: die Flotte von Goldbooten aus Nors und der berühmte Sonnenwagen von Trundholm (beides in Dänemark).

Auf drei Stockwerken gruppieren sich um die Stars der Ausstellung rund 1000 Preziosen bronzezeitlicher Kunst aus ganz Europa. Denn soviel ist jetzt schon sicher: Die Himmelsscheibe von Nebra steht steht für eine Hochkultur, deren Wurzeln und Einfluss von Nordeuropa bis nach Kleinasien reichte, also die ganze damals bekannte Welt umfasste. Die Sonne, mal ruhend auf einem Schiff, mal gezogen von einem Pferd, strahlte über einem Kulturkreis, der seinen Reichtum intensivem Austausch wertvoller Metalle und Schmucksteine ebenso verdankt wie dem schwarzen Boden der mitteldeutschen Landschaft. Fruchtbar erweisen sich die Ebenen rund um Halle und weit darüber hinaus vor allem auch für die Archäologen.

Nebra 87
Die berühmte Himmelsscheibe von Nebra.
Sie entdeckten hier die Wurzeln der europäischen Menschheitsgeschichte, als sie bei Bilzingsleben den Dauerlagerplatz eines homo erectus ausgruben, der vor rund 370 000 Jahren lebte. Sie fanden seine sterblichen Überreste, nachdem sie andernorts auf noch frühere Zeugnisse menschlicher Anwesenheit gestoßen waren. Die Menschen von Bilzingsleben konnten denken, sich sprachlich äußern, ihren Gedanken eine Gestalt geben.

Ritzungen auf Werkzeugen beweisen das. Vor 200 000 lebten die Menschen, die Reste von Gerbmasse auch Eichenbasis auf einem Feuerstein- Schaber hinterließen. Und wenigstens 80 000 Jahre ist es her, dass ein Bewohner Mitteldeutschlands auf einem Klümpchen Schäftungskitt seinen Fingerabdruck hinterließ. Das Museum in Halle beschreibt beinahe lückenlos, wie homo errectus und schließlich Neandertaler die Umwelt eroberten.

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Das lebensgroße Abbild eines Neandertalers vor dem Skelett eines Mammuts, das vor 220.000 Jahren in Mitteldeutschland lebte. Seine Knochen fanden die Archäologen bei Braunsbedra im Kreis Merseburg.
Bei der Herstellung von Werkzeug erreichten sie erstaunliche Präzision. Das alles wird dem Betrachter sehr anschaulich gemacht in einer einmaligen Zeitgalerie aus Feuerstein-Artefakten. In die Nachbildung des Fundplatzes von Bilzingsleben wurden Schubladen eingefügt, in denen der Betrachter nachgearbeitete Szenen aus dem wirklichen Leben dieser frühen Siedler bestaunen kann. Eine museumstechnische Meisterleistung ist ohne Frage die Auswertung und Fundgestaltung des so genannten Schlachtplatzes von Gröbern.

Vor 125 000 Jahren verendete ein riesiger Waldelefant im seichten Uferwasser eines Sees. Eine kleine Gruppe von Jägern hat den Kadaver an Ort und Stelle ausgeweidet, das dabei verwendete Werkzeug zum Teil zurückgelassen. In Halle wird neben den Originalfunden vor allem für die jungen Besucher dieser Vorgang in einer faszinierenden Bildfolge gezeigt. Ungekrönter König des Vorgeschichtsmuseums ist ein lebensgroßer Neandertaler, der so echt aussieht, als werde er jeden Augenblick dem Betrachter die Hand geben.

Nebra 60
Der Oberpfälzer Dr. Alfred Reichenberger vor der Vitrine mit den Beigaben des Himmelscheiben-Horts: Zwei Spiralen, zwei Schwerter, zwei Beile. Diese Doppelung ist sonst nur für Fürstengräber typisch.
Die Botschaft ist klar: Der Neandertaler war kein abgestumpfter Fleischfresser. Er konnte Stoffe und Dinge zueinander in Beziehung setzen, neue Produkte daraus fertigen. Das setzt Intelligenz und Abstraktionsfähigkeit voraus - und Planung. Mit diesem Erbe konnte der Mensch in seine Zukunft gehen, sich die Erde untertan machen, seinen Herrschaftsraum wirtschaftlich und politisch organisieren.

Der Künstler, der die Himmelscheibe schuf, Sonne, Mond, Sterne und das Abbild des Siebengestirns mit ausgefeilter Technik auf die Bronze brachte, die Mächtigen, die das Stück in Auftrag gaben und nach rund tausend Jahren Benutzung wie einen Fürsten begruben, haben zwar keine Namen, aber sie waren vor 3600 Jahren die eigentlichen Gründer Europas.

Bildergalerie

: Sehen Sie
124 Bilder
Nebra 1 Nebra 2 Nebra 3 Nebra 4
Alle Bilder: Ingrid Popp, Medienhaus Der neue Tag, 2004. Alle Rechte vorbehalten.
aus dem Museum.

Information


Nebra 19
Reste von Gerbesud aus Eiche an einem 200.000 Jahre alten Schaber. Er beweist, dass die bronzezeitlichen Menschen Leder herstellen konnten.
Das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle erreicht man von Ostbayern aus über die Autobahn A 93 Hof - Hermsdorfer Kreuz - Leipzig - Schkeuditzer Kreuz - Magdeburg bis zur Ausfahrt Halle- Peißen. Der Weg zum Museum ist ab da ausgeschildert.

Adresse:
Richard-Wagner-Straße 9,
06114 Halle (Saale)
Telefon 0345/5247-30
Fax 0345/5247-351

Internet: www.archlsa.de

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag (einschließlich Feiertage) von 9 bis 19 Uhr
Montags nur nach Voranmeldung.

Eintrittspreise:
6 Euro, ermäßigt 4 Euro, Kinder (6 -14 Jahre) 2 Euro. Gruppen ab 10 Personen 5 Euro pro Person. Schulklassen 1 Euro pro Person, Familien 10 Euro.

Zur Ausstellung ist im Theiss Verlag ein umfangreicher Katalog erschienen (200 Seiten, 240 Abbildungen, Buchhandelsausgabe: 24.90 Euro, Museumsausgabe: 19.90 Euro)

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