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Von Stefan Voit |
06.02.2012
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Bunte Steine prägen nordbayerische Region
Harald G. Dill und seine Anthologie über den Oberpfälzer Flussspat
Violetter Phantomspat aus der Grube Helene. Bilder: Dill (7)
Das Buch trägt einen ungewöhnlichen Titel: "Die Oberpfälzer Flussspat-Anthologie". Dabei handelt es sich nicht um einen Lyrik-Band, sondern um die Geschichte von Steinen, genauer gesagt von "Bunten Steinen". Zusammen mit dem Weidener Mineraliensammler Berthold Weber befasst sich der Autor Harald G. Dill seit vielen mit dem Flussspat, der vor 300 Millionen Jahren entstanden ist, und dessen Bedeutung für das Leben und die Rohstoffindustrie in der nördlichen Oberpfalz während sechs Jahrhunderten.
Vielleicht können Sie unseren Lesern einmal erklären, was sich hinter dem Begriff Flussspat verbirgt?
Harald G. Dill: Flussspat, auch Fluorit genannt, ist ein Mineral. Um genau zu sein, handelt es sich um natürlich vorkommendes Caliumfluorid. Es hat zwar nicht den höchsten Gehalt an Fluor, aber es ist das am weitesten verbreitete Fluormineral und somit als Rohstoff für die Fluorgewinnung sehr gut geeignet. Mit Hilfe von Schwefelsäure kann man aus diesem Mineral die stark ätzende Verbindung Fluorwasserstoff freisetzen, die die Basis für zahlreiche Produkte in unserem täglichen Leben ist und die auch verhindert, dass die Spiegeleier in der Pfanne anbrennen ("Teflon").
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Bunte Steine prägen nordbayerische Region
Harald G. Dill und seine Anthologie über den Oberpfälzer Flussspat
Harald G. Dill. Bild: privat
Wie sind Sie, zusammen mit dem Mineraliensammler Berthold Weber, auf die Idee gekommen, eine "Anthologie" über dieses Mineral zu schreiben?
Dill: Diplom-Ingenieur Berthold Weber und ich arbeiten schon lange zusammen. Im Verlauf der Jahre sind es 59 Schriften geworden, davon 53 über die Oberpfalz. Der Nabburg-Wölsendorfer Raum war für uns eine Art Startrampe in die Geologie und Mineralogie. Die Wölsendorfer Gruben waren für Weber vor 40 Jahren die ersten Mineralfundstellen, die er besuchte. Mitte der 1970er Jahre durfte ich als Student in Würzburg unter Tage auf dem Marienschacht in Wölsendorf einfahren und konnte den Betrieb über Tage in Stulln besichtigen.
Es war der Beginn einer Laufbahn als Lagerstättengeologe zwischen Cerro Rico de Potosi (Bolivien) und Baganuur (Mongolei) sowie Mount Lyell (Tasmanien, Australien) und Bidjovagge (Nordnorwegen). Es blieb bei uns beiden nicht bei einer nostalgischen Betrachtung der Vergangenheit, sondern wir beschäftigen uns seit einigen Jahren auch wissenschaftlich mit der Geologie und Mineralogie dieser Oberpfälzer Region.
Vorbereitung für die Sprengung im Flussspatgang der Grube Erika. Die Ladungen mit den Zündern werden eingebracht.
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Bunte Steine prägen nordbayerische Region
Harald G. Dill und seine Anthologie über den Oberpfälzer Flussspat
Grüne Malachitkugeln werden umgeben von strahlig gewachsenen blauen Azuritkristallen. Die beiden Kupferkarbonate sind durch Verwitterungslösungen aus Kupferkies entstanden. Fundort: Grube Marienschacht.
Der Schwerpunkt Ihres Buches liegt ja auf dem Oberpfälzer Flussspat. Worin liegt die Besonderheit der "Bunten Steine"?
Dill: Der Begriff "Bunte Steine" ist petrographisch-mineralogisch nicht ganz richtig. Es handelt sich genau genommen um ein bunt gefärbtes Mineral (Fluorit), dessen Begleitminerale und um das Nebengestein, den rötlichen Naabgranit. Die "Bunten Steine" habe ich bei Adalbert Stifter entliehen, um auf die Vielfarbigkeit in der Natur am Westrand der Böhmischen Masse hinzuweisen.
Warum findet man diese Steine besonders in der Oberpfalz und in der von Ihnen beschriebenen Gegend um den Wölsenberg?
Dill: Lagerstätten sind nichts anderes als dreidimensionale Körper in der Gesteinswelt. Sie brauchen für ihre Entstehung einen Raum. Dieser Platz wurde im Falle der Oberpfälzer Flussspatlagerstätten durch die tiefreichende Störung des "Pfahls" geschaffen, die aus dem Bayerischen Wald kommend durch das Nabburg-Wölsendorfer Revier streicht.
Amethyst aus dem Rolandgang im Baufeld der Grube Johannesschacht bei Wölsendorf.
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Harald G. Dill und seine Anthologie über den Oberpfälzer Flussspat
Schwarzer würfeliger Flussspat, auch Stinkspat genannt, aus dem Marienschacht.
Nicht nur die Naab hat auf ihrem Weg nach Regensburg im späten Miozän diese Zone hoher Wegsamkeit erkannt, sondern auch die Planer der Bundesautobahn legten kostengünstig die Trasse der A 93 durch dieses Gebiet. Eine Zone, die für Mensch und Fluss für das Fortkommen von Vorteil ist, besitzt auch in der Tiefe eine gute Wegsamkeit für heiße mineralisierende Wässer.
Wie findet man diese Steine? Liegen die einfach nur herum oder müssen sie tief im Erdinneren gesucht werden?
Dill: Die Minerale schieden sich in großer Tiefe bei Temperaturen nahe 200 Grad Celsius aus. An der Oberfläche wird man bei diesen hydrothermalen Gängen nur dann Minerale finden, wenn aktiver Bergbau Mineralstufen zutage förderte. Die Flussspat-gruben liegen heute alle still. Auf Halden findet der geübte Sammler immer noch Probenmaterial. Übertage-Aufschlüsse, das heißt Felsfreistellungen mit Flussspat sind am Naabrangen und am Gümbel-Eck durchaus noch vorzeigbar. Der Kocherstollen, als ein für den Laien befahrbarer Bergbau, ist Geschichte, am Reichhart-Schacht kann man derzeit nur einen Förderturm bestaunen.
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Bunte Steine prägen nordbayerische Region
Harald G. Dill und seine Anthologie über den Oberpfälzer Flussspat
Der Förderturm der ehemaligen Grube Hermine, abgebaut und wieder aufgestellt nahe dem Bergwerk Reichhart-Schacht.
Warum ist gerade das Gebiet bei Nabburg-Wölsendorf bei Mineraliensammlern so begehrt und warum findet man gerade hier diese farbenprächtigen Mineralien?
Dill: Vergleicht man die Flussspatvorkommen in Nordostbayern, dann steht das Nabburg-Wölsendorfer Revier durch die variable Kristalltracht (Oktaeder, Dodekaeder, Pyramidenwürfel) und die Vielfarbigkeit (blau, schwarz, weiß, grün, honiggelb) seines Flussspates eindeutig an der Spitze der Skala. Zahlreiche Mineralisationsphasen, die sich unter sehr unterschiedlichen physikochemischen Bedingungen abschieden, haben zu dieser Mineralvielfalt in Wölsendorf beigetragen, Hohlräume haben das freie Wachstum der Kristalle begünstigt und große Flussspatkristalle hervorgebracht.
Können Sie als Fachmann mit einfachen Worten erklären, wie diese Farbenpracht zustande kommt?
Dill: Das ist eine gute, aber nicht leicht zu beantwortende Frage. Reines Caliumfluorid ist weiß wie ein Pizzateig, erst das "Topping" gibt dem Ganzen Geschmack und Farbe. Bei unseren Untersuchungen in Wölsendorf hat sich gezeigt, dass Beimengungen von Seltenen-Erden-Elementen, Yttrium und Eisen bei der Farbgebung der grünen und honiggelben Flussspäte eine große Rolle spielen. Das Problem der Flussspatfärbung ist aber nicht so einfach zu erklären wie die Erstellung einer bunten Pizza "Quattro Stagioni".
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Harald G. Dill und seine Anthologie über den Oberpfälzer Flussspat
Wölsendorfit, ein sekundäres Uranmineral, umgibt schwarze Uranpechblende, nahe Girnitz.
Es sind leider nicht nur die Zutaten, die die Farbe erzeugen, sondern beim Flussspat auch die Dinge, die man weglässt, zum Beispiel Fehlstellen und Leerstellen im Gitter. Auch die Kristallbindung und der Einbau von Sauerstoff können besonders beim Honigspat farbgebend sein. Als Wissenschaftler muss man manchmal ehrlich sein und zugeben, dass man die richtige, alles umfassende Antwort noch nicht gefunden hat.
Gibt es neben dem Flussspat noch andere mineralogische Schätze in der Region zu entdecken?
Dill: Die Oberpfalz bietet für den Geowissenschaftler viele Anreize zur Forschung, weil man immer wieder etwas Neues finden kann. Weber und ich haben erstmals in Deutschland einen Scandiumpegmatit bei Pleystein gefunden und bearbeitet. Kürzlich kam noch ein Lazulith-Aplit dazu. Selbst im Kreideeisenerz von Auerbach finden sich seltene Phosphate. Die Naab und ihre Nebenflüsse führen Platin-Seifen, die jedoch nur wissenschaftlichen Charakter haben. Uns interessieren jedoch nicht nur die Farbe oder die schöne Kristallgestalt der Minerale, sondern vor allem die Klärung der Frage, wie diese Mineralisationen entstanden sind und wo man noch mehr finden kann. Für mich als Rohstoffgeologen ist die Oberpfalz ein heimisches Trainings- und Testgebiet, wo ich für die Anwendung im Ausland lerne und jungen Kollegen Erfahrung und Wissen vermitteln kann.
______
Zur Person: Prof. Dr. Harald G. Dill wurde 1949 in Marlesreuth bei Naila geboren. Nach seinem Wehrdienst in Weiden studierte er 1971 Geologie, Mineralogie, Geografie und Lagerstättenkunde an den Universitäten Würzburg, Erlangen und Aachen. Seit 1982 lehrt er an den Universitäten Mainz und Hannover, wo er an der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in der technischen Mineralogie und Sedimentologie tätig ist. Neben der Militär- und Fliegergeschichte interessiert er sich besonders für Bergbau und Archäometallurgie mit Schwerpunkt Nordostbayern.
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