Amberg/Weiden. (upl) Statt in den Gully fließt die Milch wieder in die Tanks der Molkereien. Nach den heftigen Protesten der Bauern gegen die niedrigen Milchpreise in den Jahren 2008 und 2009 war es in diesem Jahr vergleichsweise ruhig an der "Milchfront". Landwirt Werner Reinl meint, dass der Überlebenskampf der Bauern noch lange nicht ausgestanden ist.
Der Neustädter Kreissprecher des Bundesverband deutscher Milchviehhalter (BDM) ist eine der Oberpfälzer Gallionsfiguren im Kampf der Milchbauern um "faire Preise".
Herr Reinl, wie geht's den Milchbauern in der Oberpfalz? Bewirtschaften Sie Ihren Hof noch?
Reinl: Ja - ich bewirtschafte meinen Hof noch. Als Milchbauer hat man gelernt, langfristig zu denken. Die Lage der Milchbauern hat sich etwas entspannt, aber die Milchmarktproblematik ist keineswegs gelöst. Sehr schnell kann sich die positive Marktentwicklung aufgrund falscher politischer Weichenstellungen wieder ins Negative verkehren.
Vor einem Jahr hieß es, wenn der Milchpreis nicht sofort steige, bedeute das das unmittelbare Aus für viele Betriebe. Wie hat sich der Milchpreis entwickelt?
Reinl: Wir liegen heute bei etwa 30 Cent je Kilogramm netto. Damit sind wir immer noch weit von einer Kostendeckung entfernt. Durch die Krise sind sämtliche finanziellen Reserven aufgebraucht. Notwendige Erhaltungsinvestitionen werden nicht getätigt, ebenso keine Rücklagen gebildet. 3900 deutsche Betriebe (4,5 Prozent) haben 2009 ihre Stalltore geschlossen, deren Arbeitsplätze sind für immer verloren.
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04.09.2010
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Was führte zu der doch recht positiven Preisentwicklung? Waren es gar die Proteste des BDM?
Reinl: Die Schwäche des Euros kam dem europäischen Milchmarkt sehr entgegen. Der Export von Milchprodukten wurde angekurbelt und sorgte für eine massive Entlastung auf dem Milchmarkt. Ausgelöst durch die massiven Protestaktionen des BDM sah sich die Politik veranlasst, verschiedene finanzielle Hilfsprogramme zu installieren. Nur wer den Mund aufmacht, kann auch damit rechnen, gehört zu werden.
Im vergangenen Jahr gab es Ärger um die Einführung einer Premium-Milch-Marke. Hat sich die Idee durchsetzen können?
Reinl: Die Idee einer Premium-Marke ist nicht schlecht. Was nicht in Ordnung war, war das Auswahlverfahren der Molkerei. Das hat einen Keil zwischen die Bauern getrieben. Letztlich hat dieses Projekt auch dazu gedient, dass man sich jetzt ernsthaft Gedanken darüber macht, alle Betriebe auf genfreie Fütterung umzustellen, was der gesamten Bevölkerung dienlich sein wird.
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04.09.2010
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Wie haben sich die Landwirte für kommende Krisen aufgestellt? Geht der Trend weg von der Milchkuh?
Reinl: Einige Betriebe haben sich mit Investitionen in den Energiebereich ein zusätzliches Standbein geschaffen und überlegen natürlich, wie lange sie bei Kostenunterdeckung die Kuh noch im Stall halten. Zunehmend beschäftigt sich ein immer größer werdender Anteil der Milchbauern mit der Vermarktung ihrer Milch. Sie kreieren eine eigene Marke wie "Die faire Milch" oder gehen neue Wege in der Vermarktung ihrer Rohmilch.
Zwischen BDM und Bauernverband gab es heftige Auseinandersetzungen, hat sich das Verhältnis verbessert?
Reinl: Wir haben sehr wenig Kontakt zu der Führungsebene des Bauernverbandes. Ich sehe aber, dass der BBV jetzt zumindest ansatzweise der Argumentation des BDM folgt und somit unsere Arbeit auch hier langsam Früchte trägt. Der BDM vertrat schon immer die Meinung: Keine totale Liberalisierung der Märkte bei Lebensmitteln, die Ernährungssouveränität in Deutschland und der EU nicht aufs Spiel setzen. Unsere Strategie der effizienten Marktsteuerung ist nach wie vor hoch aktuell und findet immer mehr Unterstützung.
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04.09.2010
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Der Neustädter Kreisobmann Erich Schieder sagte, er weine keinem Bauern nach, der dem BBV den Rücken kehre und sich dem BDM anschließe. Ist der Graben so tief?
Reinl: Wer über 40 Jahre lang immer das "Alleinvertretungsrecht" der Bauern für sich in Anspruch genommen hat, tut sich schwer, Mitbewerber um den besten Weg zu akzeptieren. Wir sehen zwischen den allermeisten der Milchbauern keinen Graben. Wenn einzelne das anders sehen, steht das in ihrem Ermessen.
Wie geht es weiter, müssen wir wieder mit öffentlichen Milchbädern rechnen?
Reinl: Wir vom BDM sind weiterhin aktiv, unsere nächste Aktion ist für 22. September in Straßburg anlässlich der Sitzung des EU-Parlaments geplant. Dazu gibt es mehrere Schlepperkonvois aus Deutschland. Damit tragen wir dem Einfluss des EU-Parlaments sowie durchaus positiven Ansätzen des neuen Agrarkommissars Ciolos Rechnung.
Sie haben für Schlagzeilen gesorgt, als Sie sich weigerten, Ihre Tiere gegen die Blauzungenkrankheit impfen zu lassen. Wie stehen Sie heute zu der Aktion?
Reinl: Unseren Tieren geht es gut. Jetzt wurde beispielsweise auch in Frankreich die Impfpflicht aufgehoben. Ich denke, diese Geschichte hat vielen Bauern die Kraft gegeben, über von oben Vorgesetztes nachzudenken und eigene Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen zu treffen. Das wurde höchste Zeit.
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