Furth im Wald
Der Leib ist die Kraft
Pierre Jean Jouves erster Roman "Paulina 1880": sexualisierte Prosadichtung ganz keusch
(Christian Vogl) Es klingt nach dem "Sex & Crime" und italienischem Kloster-Softporno, ist aber ein religiöser Hymnus an die Liebe. Eine Mailänder Landadelige wächst Mitte des 19. Jahrhunderts in einem Männerhaushalt zu einer sinnlich selbstbestimmten Frau heran, die, unverheiratet bleibend, mit einem verheirateten Adeligen eine langjährige Liebschaft unterhält. Wegen moralischer und religiöser Schuldneurosen bestraft sie sich mit einem mehrjährigen Aufenthalt in einem Mantuaner Kloster, wird aber wegen einer Liebschaft mit einer jungen Nonne ausgeschlossen und schließlich im Jahr 1880 als Mörderin an ihrem auf sie wartenden Liebhaber zu lebenslanger Haft verurteilt.
"Paulina 1880", zuerst 1925 veröffentlicht, ist trotz seiner rüden Themen - inzestuöse Begierde, vor- und außerehelicher Geschlechtsverkehr, Mord - ein Buch der Keuschheit, nicht des Obszönen. Die sexuellen Begierden werden nicht plump vor Augen gestellt durch Listen von mehr oder weniger feuchten Körperteilen wie in der talentfreien Prosa einer Benoîte Groult oder eines Harold Robbins; programmatisch verkündet Jouve schon nach drei Seiten: "Die Aufzählung der Gegenstände ist beendet."Die sexuelle Spannung erhebt sich vielmehr "zwischen den Bildern" aus dem Verhältnis von ganz alltäglichen Gegenständen und uns selbst - in unseren Köpfen. Der 1887 geborene Pierre Jean Jouve hatte seine literarische Laufbahn als Lyriker begonnen, und das spürt man auf jeder Seite seines ersten Romans. Handwerklich arbeitet er weniger als Erzähler, sondern eher als Maler oder Filmemacher: In vielen kurzen Kapitelchen werden kurze Szenen projiziert wie aus einer Hinter-Augen-Kamera der Darsteller selbst: "Der Graf blickte starr, nicht auf Paulina, sondern auf ein kleines weißgoldenes Andachtsaltärchen, das neben dem Bett aufgestellt war. Ein Altärchen, Unser Herr in Farbsteindruck, vier Leuchter mit neuen Kerzen. Der Graf war nicht gläubig. Die Größe des Verlangens nach dem jungen Mädchen wurde derart, dass er lächelte."
Zu sehr überwiegt das Lyrische vielleicht zuweilen, manches Mal ermüdet man beim Einfühlen in ein hingeworfenes "Lyrisches Ich". Zu oft auch verliert man im Labyrinth der Innenperspektive die Verbindung zum vorherigen Stand der Charaktere. Zuweilen verdächtigt man sich gar, zu flüchtig über den Text gelesen zu haben, so wenig greifbar ist selbst ein so zentrales Geschehen wie die lesbische Liebschaft von Paulina und der jungen Nonne Perpetua. Auch die vermutliche Schönheit Paulina Pandolfinis wird nicht voyeuristisch ausbuchstabiert, sondern erschließt sich aus ihrer Wirkung auf sich und andere. Vermutlich hat Jouve das auch deshalb so ins Vage konstruiert, um die Nähe von Liebe und Religion, von Lust- und spirituellem Schauer zu unterstreichen. "Sie fühlte sich nackt in ihrem vom Dunkel umhüllten Leib, in ihren Brüsten, deren Spitzen an der kühlen Luft hart wurden, in ihrem aufgelösten Haar, im Innern ihres Geistes. / Die Blicke Micheles sogen sie auf, sie und ihr Geheimnis."
Erstaunlich die Konsequenz, mit der Pierre Jean Jouve seine Anti-Erzähl-Weise durchhält - und mit diesem Ansatz eine vergangene Welt wirklichkeitsnäher beschwört als die meisten Naturalisten das mit ihren behäbigen Landschafts- und Gesprächsschilderungen vermögen. Wir erhalten die objektive Realität nur durch subjektive Brechungen; "Paulina 1880" behauptet das nicht einfach, sondern verkörpert es - und wird damit zum Beleg für den Mehrwert einer poetisch angereicherten Prosa. So wundert man sich wieder einmal, wie viele Möglichkeiten der literarischen Produktion einfach links und rechts liegen gelassen werden von den vielen Salonlöw/innen des gegenwärtigen Literaturbetriebs, des produzierenden wie des rezensierenden.
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